Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1933)
- Article
- Marie
- Date
- 1933-10-01
- Page
- 263 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Marie und Gutes wollte, wurde nicht damit an- und aufgenommen, er machte bestenfalls von sich reden und spielte auf einer Schaubühne vor einem mäßig interessierten Publikum. Sie wünschte sich fort; sie mußte weg, und zwar bald, wenn noch was aus ihr und mit ihr werden sollte. Aber nicht nur darum gelang es nicht. Sondern weil ihr die Gnade fehlte. Die wahrhaftige, große, begnadete Demut. Die sich vor aller Erscheinung ehrfürchtig beugt, sei es Aussatz oder Wahnsinn, Bosheit oder Mord. Die von keiner Ungeduld mehr weiß, von keiner Nervenqual, fast von keiner Sorge mehr. Die nichts ist als Gefäß, auffangender Krug in einer unsichtbaren Hand. Sie wußte es genau. Eines Tages stand das Bild mit unerbittlicher Schärfe vor ihr. Und ebenso genau wußte sie, daß sie von der Erfüllung so weit entfernt war wie von der gewissen Landschaft auf dem Mond. Sie hätte erst den Schlüssel haben müssen, um die Tür aufzusperren, hinter der sie als die anscheinend unabänderlich geprägte Person Marie Kerkhoven gefangen saß. Sie hätte das Gehäuse Marie Kerkhoven sprengen müssen. Und an dieser Aufgabe verzweifelte sie: aus Anhänglichkeit an ihre Form, aus Furcht vor dem damit verbundenen Leiden, aus Liebe zu sich selbst. Was war zu tun? Wo gab es einen Menschen, dessen Tat oder Sein oder Schicksal ihr zur Überwindung helfen konnte? Denn ohne einen lebendigen Menschen, einen irdischen und sinnlich greifbaren, war es nicht möglich. Sie sollte ihn finden, diesen Menschen. Im Novemberheft werden schreiben: Ludwia Feuchiwanaer, München Julius Bab, Berlin Oskar Wolfsbera, Berlin Früz Friedlaender, Berlin Max Grünewald, Mannheim u. a. 263