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Der Morgen · 1933-10-01 · Heft 4 (Oktober 1933) · p. 261

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Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 4 (Oktober 1933)
Article
Marie
Date
1933-10-01
Page
261 (sequence 16)
Language
German
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Marie bestanden. Doch hatte sie nicht die Gesetzlosigkeit dafür eingetauscht, die Willkür eines Lebens, dem sie gestattet hatte, ihr zu nah zu rücken? Das geht, man kann das Leben hautnah an sich herankommen lassen, man soll es vielleicht, aber dann muß man den Mut haben, der vor nichts zurückschreckt, vor keiner Bedrohung und keiner Demütigung. Statt dessen hatte sie gegen Zweifel und Angst anzukämpfen und konnte den Sinn des Neuen nicht in sich finden, der sie geschützt hätte wie eine Festung. Ihr bangte nach der leitenden Hand, unter der sie sich zu bergen gewohnt war. Aber bei ernstlicher Prüfung erkannte sie, daß sich diese Sehnsucht nicht auf den abwesenden Kerkhovcn bezog; sie ging vielmehr auf halberloschene Erinnerungen zurück, auf vergessene Träume, unterdrückte Regungen von Jugend auf, unbeantwortet gebliebene Fragen, einst leuchtend gewesene und dann verblaßte Bilder, eine Herzensnot, ein verwehtes Bild, ein in Schatten gesunkenes Gesicht. Manchmal verspürte sie eine fremdartige Glut in sich. Es war ein Gefühl wie Verliebtheit in einen Unbekannten und setzte sie in Verwirrung. Sie mußte sich gestehen, daß nach und nach alles versagt hatte, worauf sie sich hoffend und gläubig gestützt, die Hingabe an Menschen, die kleine Werktätigkeit im Hause, die Liebe zur Kunst, die Bücher, sogar die Natur,, mit der sie so lange in vertrautem Umgang gelebt. Aber nicht aus persönlicher Enttäuschung, nicht weil sie resignierte und sich fallen ließ, suchte sie einen Zugang in einen neuen Bezirk, der ihr vorläufig so verschlossen war wie eine Landschaft auf dem Mond. Es geschah in ihr. Es setzte sich gewissermaßen gegen sie selber durch. Es vollzog sich im Auftrag der Zeit und beschwert von deren grenzenloser Not. Unter den Menschen, die um uns leben, gibt es welche, die sind wie Uhrzeiger. Sie melden die geistige Stunde. In aller Stille sammelt sich in ihnen, was als Wunsch und Entbehrung unergründet in der Brust von Zahllosen wohnt. Wie diese hatte sie gedankenlos darüber hinweggelebt, jetzt hingegen litt sie bis zu körperlicher Qual an der Aufblicklosigkeit ihrer Welt, ihrem kahlen Zweckdienst, ihrer technischen Vollkommenheit und seelischen Agonie, an ihrer Verwilderung, ihrem Haß, ihrer Blutgier und ihren Lügen. Schon im Zusammenleben mit Joseph hatte sie manchmal diese würgende Weltangst empfunden, trotz der Reinheit seines Wollens, trotz seiner Opferbereitschaft und Geistesmacht. Wohin, Mann? hätte sie ihm zurufen mögen, du bist ja behext, hast ja keinen Himmel über dir, keinen Anhalt außer dir, keine Mitte in dir! Sie hatte Erbarmen mit ihm gehabt. In einem Brief, den sie ihm zu Anfang des Sommers schrieb, kam die Stelle vor: „Es ist zu wenig los mit dem irdischen Dasein, es ist zu wenig los mit der Menschheit. Bei nur einigem Nachdenken stößt man auf 261

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