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Der Morgen · 1933-10-01 · Heft 4 (Oktober 1933) · p. 260

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 4 (Oktober 1933)
Article
Marie
Date
1933-10-01
Page
260 (sequence 15)
Language
German
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JaJcob Wassermann Charakter, ja; wer hat Charakter? wer sich ihn leisten kann. Wer sich Ideale und Hoffnungen und Ideen und dergleichen leisten kann. Kleinzeug wird zermalmt. Und wenn Kleinzeug sich mal aufrafft und nach einem Stern langt, na, dann sieht es eben aus wie ich aussehe." Die offensichtliche Wollust der Selbsterniedrigung und Selbstzerfieischung wirkte wie persönliche Schmähung auf Marie. Sie konnte ihm in ihrem Innern nicht Unrecht geben, wenn er seine Existenz als trostlos, sich selbst als hoffnungslosen Fall bezeichnete. Aber sie hatte mit einem Menschen dieser Art noch nie zu tun gehabt. Sie wußte keinerlei Zuspruch. Jedes Argument erschien ihr so verlogen wie wenn sie einem Krüppel hätte sagen sollen: du brauchst dich nur zu recken und bist kein Krüppel mehr. Und ihre Neigung, Krüppel pädagogisch zu behandeln, war gering. Dem Mitleid konnte sie sich nicht verschließen. Aber Mitleid ist eine Form der Verachtung, und das war der einzige Punkt, wo Eugen Hansen die Beherrschung verlor. Was ihn außerdem rabiat machte, war ihr Wohlfahrtswerk. Sie setze ihren Adel, ihre Freiheit, ihre weibliche Persönlichkeit aufs Spiel, kurz alles, was sie über diese Schand- und Schundwelt erhebe; er habe neulich von einem kostbaren Juwel geträumt, das in einer Schachtel voll Kot lag; die psychoanalytische Anwendung liege auf der Hand. Dann schwieg er und sah sie mit dem bohrenden Mannsblick an, der ihr eiskalt machte und die Schamröte in die Wangen trieb. Alles blieb stumm in ihr. Sie brachte ihn nicht über die Verfinsterung und Verzweiflung hinaus. Sie konnte ihm nicht helfen. Sie war zu armselig, auch hier. jL/a fragte sie sich: Woran fehlt es mir? was macht mich so schwach, unzulänglich und zauberlos? In den Nächten ihres einsamen Grübelns verspürte sie eine Leere in sich, einen Hohlraum. Sie hatte die Empfindung, daß dort, wo Wachstum und Fruchtbarkeit hätte sein sollen, steinige Dürre war. Wenn sie nachforschte, seit wann es so war, konnte sie keine Zeit in ihrem Leben finden, da es anders gewesen wäre. Kein Zweifel, das Leben, das sie gelebt, war allmählich unter ihr verkohlt, und die verkohlte Masse hatte die Keime getötet. Wohl hatten der Seelen- und Sinnenaufruhr der letzten Jahre und die entscheidende Auseinandersetzung mit Joseph auflockernd gewirkt und sie aus der selbstsüchtigen Leidensversenkung herausgeführt. Ein Gefühl der Befreiung war da; es war als hätte sie einen Raum verlassen, dessen Wände, Decke und Fußboden aus Spiegeln 260

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