Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1933)
- Article
- Marie
- Date
- 1933-10-01
- Page
- 257 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Marie die widerlichen Auftritte von neuem. Es nützte nichts, man mußte ihr das Kind ausliefern. Chaim war wie verdonnert, als es so weit war; Marie versprach ihm hoch und heilig, ihn so oft wie möglich zu besuchen. Kaum war er bei der Mutter und den Seinen, da erkrankte er an Scharlach in der virulentesten Form und schwebte tagelang zwischen Tod und Leben. In der vierten Woche trat eine Lymphdrüsenschwellung mit Vereiterung ein. Er lag in Ellen Ritters Spital, Doktor Hansen behandelte ihn und unterrichtete Marie regelmäßig über das Befinden des Kindes. So formbar und schmiegsam fand sie keines der Kinder mehr, denen sie ein Asyl bereitete; die meisten setzten ihrem Werben eine unbewegliche Störrischkeit entgegen. Es war nicht der einzelne, an dem sie sich vergeblich abmühte, es war immer seine ganze Welt. Und diese Welt lernte sie mehr und mehr fürchten, sie flößte ihr die Bangigkeit ein, die der gestaltete Mensch vor der amorphen Masse empfindet, und wenn sie noch dazu an Josephs Wort von den „Kommenden" dachte, verzweifelte sie an der Möglichkeit, ihre Träume vor ihr zu schützen. Immer war sie die Angeklagte vor diesen unerbittlichen Kinderaugen, das kalte Grauen blieb nie hinter ihr, sie rang sich nicht hindurch, es lag vor ihr, hüllte sie ein und hatte kein Ende, so wie der Tod kein Ende zu haben scheint. Ihre Waffen waren armselig, die Hilfsmittel armselig, die Worte armselig, sie hatte nichts zu bieten, sie war selber armselig. Eines Abends vor dem Schlafengehen kam sie mit einem Korb Äpfel in die große Kinderstube, wo sich alle vor der Bettzeit zu versammeln pflegten. Jedes erhielt seinen Apfel, alsbald hörte man sie nur noch beißen und knabbern. Da fiel ihr Blick auf einen Jungen, der abseits in einem Winkel stand, als bocke er. Es war ein Sechsjähriger, hieß Kurt Muchler, Kind eines Buchbinders, der nach Argentinien ausgewandert war und die Familie mittellos zurückgelassen hatte. Marie trat auf ihn zu, den letzten Apfel in der Hand und fragte: „Na, Kurt, was ist denn dir über die Leber gekrochen?" Der Kleine ruckte mit den Schultern, wollte nicht mit der Sprache heraus, dann deutete er mit dem Daumen auf einen andern, um ein Jahr älteren Jungen, der sich mit verschnitztem Lachen an seinem Bett zu schaffen machte und stieß beleidigt hervor: „Der Walter Giesecke sagte, es gibt keinen lieben Gott. Auch einen Jesus gibts nich, sagt er. Det is allens Mumpitz, sagt er." Marie schaute betroffen drein. Sie setzte sich auf einen Schemel, rief die dreizehn Kinder, auch ihre eigenen waren dabei, zu sich her, nahm den befangen sich sträubenden Walter bei den Armen und fragte: „Woher willst du denn das wissen, 257