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Der Morgen · 1933-10-01 · Heft 4 (Oktober 1933) · p. 256

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 4 (Oktober 1933)
Article
Marie
Date
1933-10-01
Page
256 (sequence 11)
Language
German
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Jakob Wassermann denn daraus konnte nur Verdruß entstehen, Last, Bedrängnis, Mühsal; nur Ungutes und Bitteres. Es widerstrebte ihrer redlichen Natur, Dinge zu sagen, die eine Frau in dieser Situation vorzubringen pflegt, mahnende, belehrende, vernünftig scheinende, selbstgerechte oder auch dem andern gerechte: nein, sie war ernstlich verwirrt, sie wußte nicht aus noch ein und schließlich wandte sie den Blick von dem stumm, mit ineinandergekrampften Händen dastehenden Mann ab und heftete ihn auf die Karte, auf der der Name Eugen Hansen stand; feindselige häßliche Zeichen, wie ihr dünkte. Er machte Anstalten zu gehen. Mit einer mutlosen Geste strich er über seine Stirn und wandte sich zur Tür. Da hörte man von draußen eine zeternde Weiberstimme; ein fettes, gutturales, vulgäres Organ. Es war Frau Papier, die trotz der Vereinbarung ihren Sohn holen wollte. Alles war Marie plötzlich leid, die Zuversicht verließ sie, der Glaube an ihre Kraft. „Tun Sie mir den Gefallen, Doktor, und bringen Sie das Weib zur Ruhe", sagte sie, „sie will ihr Kind wieder haben, der Bub möchte so gern dableiben, vorgestern hat sie versprochen, ihn mir noch zu lassen." Hansen verbeugte sich, alsbald hörte sie ihn im Flur mit Malke Papier parlamentieren, auch Grete Kohl und die Bertram redeten auf sie ein, derweil ging leise die Tür zu den Kinderzimmern auf, und durch den Spalt schob sich zaghaft der kleine Chaim. Er trippelte in die Mitte des Raums, weiter schien er sich nicht zu trauen, und hob flehentlich die gefalteten Händchen gegen Marie. Sie winkte ihn zu sich her, legte den Arm um seine Schulter und flüsterte ihm zu: „Du bleibst schon da, Bübchen, fürcht' dich nicht, du darfst dableiben." Der Junge schaute sie mit glühender Dankbarkeit an und sagte stolz: „Ich will auch beten für dich. Ich kann ein Gebet." Das bewegte sie, sie küßte ihn auf die Stirn, und da es draußen wieder ruhig geworden war, gebot sie ihm freundlich, zu den andern Kindern zurückzukehren. Als er das Zimmer in eiligem Gehorsam verlassen hatte, verspürte sie große Schwäche und brach in Tränen aus. * Es nützte nichts, Malke Papier kam erst täglich, dann jeden Tag drei-, viermal und forderte mit jammerndem Geschrei ihr Kind. Sie überschüttete Marie in ihrem gurgelnden Jiddisch mit Verdächtigungen und Beschimpfungen, drohte mit der Polizei und ließ durchblicken, daß das Kind um sein Seelenheil komme... Man versteckte den Buben vor ihr. Man ersuchte das Fursorgeamt um einen Schiedsspruch, da man nachweisen konnte, dali das Kind zuhause ohne Aufsicht war. Marie bot der Frau Geld, sie nahm es, blieb drei Tage unsichtbar, dann begannen 256

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