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Der Morgen · 1933-10-01 · Heft 4 (Oktober 1933) · p. 258

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 4 (Oktober 1933)
Article
Marie
Date
1933-10-01
Page
258 (sequence 13)
Language
German
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Jakob Wassermann Walter?" Der Junge machte ein überlegenes Gesicht: so eben, das wisse man eben; wenns anders wäre, war doch alles anders. Er blickte sie herausfordernd an. Schön, räumte Marie etwas kleinlaut ein, es sei aber möglich, daß Gott trotzdem da sei und sich nur nicht allen Menschen so kundgebe wie sie es erwarteten. Der Knabe lächelte ungläubig. Ja schon, antwortete er schlau, darin gerade stecke ja der Mumpitz. Er hatte zuviel gesehen mit seinen sieben Jahren, er wußte zuviel. Marie betrachtete der Reihe nach die ihr zugewandten jungen, ach so jungen Gesichter, und die winzigen Gestalten, die in uniformen Schlafanzügen aus billigem blaugestreiften Kattun steckten. Und dreizehn Paar Augen waren mit der nämlichen stummen Frage gespannt und mit jener kühlen Skepsis auf sie geheftet, die die ewige Scheidewand zwischen der kindlichen Welt und der Erwachsenenwelt bildet. Aus ihrer vorgewi'ßten Erfahrung heraus rufen sie diesen plumpen, anmaßenden, lügenhaften großen Leuten ihr unbeugsames Nein entgegen, das, wortwörtlich, wie die Stimme des jüngsten Gerichts ist. Nein, sagen sie, wir billigen euch nicht, wir trauen euch nicht, wir glauben euch nicht, nein und nein. Marie begriff. Zum erstenmal begriff sie es. Sie zog den kleinen Gottesleugner auf ihre Knie, und indes sie mit der Hand über seine Haare strich, sagte sie: „Eigentlich hast du Recht, Walter. Wir wissen beide nichts Genaues darüber. Aber siehst du, bevor wir uns kennen gelernt haben, du und ich, haben wir auch nichts voneinander gewußt. Ich hätte ruhig sagen können, den Walter Giesecke, i wo, den gibts ja gar nicht; und doch bist du da und man kann dich anfassen, und wers nicht glaubt, den lachst du aus." Ein kicherndes Gelächter entstand. Walter machte ein begossenes Gesicht. Er fühlte sich ein wenig übers Ohr gehauen, das heißt, der logische Trugschluß in Maries Exegese entging ihm nicht, aber er konnte ihn nicht widerlegen und war verärgert. Auch Marie spürte, daß sie sich über eine Schwierigkeit mit einem Trick hinweggeholfen hatte, sogar einem nicht ganz einwandfreien. Jetzt schämte sie sich dessen, erhob sich ziemlich abrupt, führte den verschlossen dreinschauenden Walter in die Mitte seiner Kameraden und Kameradinnen, und da fiel ihr ein Vers ein, der ihr aus alten Zeiten im Gedächtnis geblieben war, und mit eigentümlich feierlicher Stimme sagte sie ihn den Kindern vor: „Ich bin in der finstern Welt / eine unentzundene Kerz, sei still, streitsüchtig Herz / ich weiß ja, wer mich hält." Sie sahen zu ihr auf, baß verwundert. Aber das war auch alles. Nein, es nützte nichts, es nützte nichts. So ging es nicht... 258

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