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Der Morgen · 1933-10-01 · Heft 4 (Oktober 1933) · p. 255

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 4 (Oktober 1933)
Article
Marie
Date
1933-10-01
Page
255 (sequence 10)
Language
German
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Marie sie sich gegen die Tür drängte, sagte jemand auf der Stiege, die Frau sei tot, ein anderer widersprach und behauptete, sie atme noch, aber es gehe mit ihr zu Ende. Als die Helme einiger Schupoleute auftauchten, war Marie schon in der Stube drinnen. Vier Männer hielten den tobsüchtigen Schuhmacher fest, Marie konnte später nicht sagen, wie es zugegangen war, daß der Mensch sich losgerissen hatte, während sie vor dem bewußtlosen Kind kniete und ihm das ßlut von Mund und Augen wischte; ob er sie oder die Ohnmächtige schlagen gewollt, ließ sich natürlich auch nicht mehr ermitteln; jedenfalls taumelte er in kochender Wut, geifernd und röchelnd auf sie zu, und ehe sie dem Schlag ausweichen konnte, traf sie seine steinharte Faust an der Schläfe. Als sie wieder zur Besinnung kam, lag sie im Rettungsauto; auf ihre geflüsterte Bitte schaffte man sie in ihre Wohnung, die erschrockene Grete Kohl kleidete sie aus und brachte sie zu Bett, indes Anna Bertram nach der Doktorin Ritter telephonierte. Diese stellte einen Nervenchok mit achtunddreißig Grad Fieber fest. „Ich glaube, wir müssen unsern wilden Eifer dämpfen", sagte die Ärztin mißbilligend. Marie antwortete mit leichtem Frösteln: „Den Eifer kann man dämpfen, Ellen, aber man weiß doch jetzt . . . man weiß doch . . ." Am andern Tag, gegen Abend, ließ sich zu ihrem Befremden Doktor Hansen bei ihr melden. Sie wollte ihn nicht im Bett liegend empfangen und ließ sagen, sie danke ihm für den Besuch, es gehe ihr wesentlich besser. Er aber hatte sich draußen an den kleinen Johann herangemacht und es zu bewerkstelligen gewußt, daß dieser ihn ins Zimmer der Mutter zog. Verlegene Entschuldigungen stammelnd stand er an der Tür. „Geh, Johann, geh hinaus", sagte Marie hart. Der Bub gehorchte betroffen, Doktor Hansen rührte sich nicht von der Stelle. Er sagte kaum hörbar: „Erlauben Sie mir, fünf Minuten bei Ihnen zu sein. Nur fünf Minuten. Ich war krank vor Sorge. Ich hielt es nicht aus. Ich mußte Sie sehen." — „Was soll das alles, Herr Doktor?" fragte Marie unwillig und wies mit schwacher Bewegung auf einen Stuhl, „ich verstehe Sie nicht. Ist es Ihr Ehrgeiz, aufdringlich zu sein?" — Hansen beachtete die karge Aufforderung zum Sitzen nicht. „Kann ich mir denken, daß Sie mich nicht verstehn", stieß er mit gesenktem Kopf hervor; „versteh ich mich doch selber nicht Ich bin verrückt. Ich bin verrückt. Ich ... ich will ja nichts. Nur Sie anschauen, Ihre Stimme hören. Nichts weiter." — Marie betrachtete ihn kalt. Er hatte ein mageres glattes blondes Gesicht mit vorstehendem Kinn und einem Ausdruck des Verzehrtseins, Verbranntseins, der sie abstieß. Sie war ratlos und unglücklich, 255

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