Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1933-10-01 · Heft 4 (Oktober 1933) · p. 254

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 4 (Oktober 1933)
Article
Marie
Date
1933-10-01
Page
254 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2895450-2895515-2895520-2903213--06558-2903252
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Jakob Wassermann Am andern Tag mußte Marie in ein Haus in der Memeler Straße, weit draußen an der Frankfurter Allee. Sie war schon eine Woche zuvor dort gewesen. Es handelte sich um zwei Kinder eines Schuhmachers, zehn- und elfjährige Mädchen, von denen ihr besonders die jüngere, Hede mit Namen, am Herzen lag und Sorgen einflößte. Die Behausung der Familie war eher ein Stall als eine menschliche Zufluchtsstätte, der Mann verdiente nichts und soff (neunzig Prozent aller dieser Männer und Väter waren unheilbare Alkoholiker), die Frau lag seit Weihnachten krank darnieder. Es war zwischen acht und neun Uhr abends, als Marie hinkam; sie war in der Station bei Ellen Ritter aufgehalten worden, dann hatte sie den Doktor Hansen nicht loswerden können, der trotz ihrer Ablehnung dabei beharrt hatte, sie ein Stück Wegs zu begleiten. Auf der Stiege vernahm sie entsetzlichen Lärm. Leute rannten schreiend auf und ab, riefen nach der Schupo, nach dem Rettungswagen, auf dem Treppenabsatz vor der Wohnung des Schusters war ein Gedränge von Männern und Weibern, ein Frauenzimmer, das unter einem grellroten Schal nur ein Hemd anhatte, berichtete Marie in kaum verständlichem Berlinerisch und mit aufgeregter Hast, was vor- .gefallen war; sie hatte vom Nebenraum aus alles mitangehört. Vor einer halben Stunde war der Mann sternhagelvoll heimgekommen. Die Frau lag ächzend vor Schmerzen im Finstern, die zwei Mädchen hatten sich auch schon niedergelegt, der besoffene Kerl brüllte und tobte, weil er die Kerze nicht finden konnte. Bei seinem Suchen schmiß er Gläser, Teller und Flaschen auf die Erde, daß die Scherben den ganzen Fußboden bedeckten, endlich entdeckte er einen Kerzenstumpf und zündete ihn an. Da sich die Frau nicht rührte, um ihm zu helfen, überhäufte er sie mit greulichen Flüchen, und als sie ihn um Gotteswillen bat, still zu sein, sie halte es nicht mehr aus, fiel er mit der Schusterahle über sie her, stach blindlings auf sie los und verletzte sie schwer an Brust und Hals. Die Mädchen sprangen aus ihrem Bett, die älteste lief auf den Flur und schrie, Hede stellte sich schützend vor ihre Mutter, doch konnte das schmächtige und kraftlose Kind gegen den Wüterich nichts ausrichten, er stach auch auf sie los, so daß sie blutüberströmt zusammenbrach. Da erhob sich die kranke Frau mit einem dumpfen Wehelaut von ihrem Lager, schleppte sich mit letzter Kraft zum Fenster, riß es auf und stürzte sich, vier Stock hoch, in den Hof hinunter, gerade in dem Augenblick, als die Nachbarn in die Stube drangen, um den Unhold zu bändigen. Es war wie ein Angsttraum. Das Durcheinander von Stimmen, das Gewühl der Leiber, die Gerüche von Schweiß, Blut, Schnaps der Krankendunst und Pfeifenrauch umnebelten Maries Sinne. Sie wollte zu dem kleinen Mädchen hinein. Während 254

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.