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Der Morgen · 1933-10-01 · Heft 4 (Oktober 1933) · p. 253

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 4 (Oktober 1933)
Article
Marie
Date
1933-10-01
Page
253 (sequence 8)
Language
German
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Marie jetzt gesehen hatte. Wenn sie es an der Hand nahm, riß es sich los, kroch unters Bett und begann zu schluchzen. Aber ganz plötzlich faßte es Zutrauen. Es hatte herrliche sammetglänzende große Augen. Als es Marie zu sich in ihre Wohnung brachte, blieb es in freudigem Schrecken über die Räume, die ihm märchenhaft schön erschienen, vollkommen stumm und erstarrt. Marie hatte gleich eine tiefe Sympathie für den kleinen Jungen, und er wurde ihr nur noch lieber, als sie bald darauf um ihn kämpfen mußte fast wie um ein eigenes Kind. JlLine Woche später meldete sich nämlich die Mutter; sie kam zu Marie und forderte das Bübchen barsch zurück. Sie hieß Malke Papier, hatte noch ein halbes Dutzend anderer Kinder, mit denen sie in einem Scheunenraum in der Rückertstraße wohnte. Das Recht, den Knaben zu verlangen, konnte man ihr nicht abstreiten; seinen Aufenthalt hatte sie nach endlosen Laufereien und Erkundigungen ausfindig gemacht; allein der kleine Chaim sträubte sich mit Händen und Füßen dagegen, ihr ausgeliefert zu werden. Als sie ins Zimmer trat, verzerrte sich sein blasses Gesichtchen krampfig, er lief zu Marie und klammerte sich fest an ihren Rock. Marie wunderte sich; für ein Judenkind war ein solches Verhalten ungewöhnlich, da doch bei Juden, wie sie wußte, zwischen Kindern und Eltern ein wahrer Kultus der Zusammengehörigkeit herrschte. Es erschütterte sie nicht wenig, als sie später den Grund dieser unerklärlichen Aufsässigkeit erfuhr. Der Knabe war von den christlichen Kindern der Nachbarwohnungen wegen seines jüdischen Namens und Aussehens Tag für Tag beschimpft und verprügelt worden; zum Schluß hatte sich eine derartige Angst und Verzweiflung seiner bemächtigt, daß er eines Abends einfach weggelaufen, einfach in die Welt hinausgelaufen war. Und jetzt kam zu alledem noch hinzu, daß er eine seltsame, halb rührende, halb phantasievolle Leidenschaft für Marie gefaßt hatte. Die fremde Frau, die wie ein Engel in sein düsteres Leben getreten war, erschien ihm überirdisch gut und schön, so daß der Gedanke, sie verlassen zu sollen, von ihr fortgenommen zu werden, ihn das größte Unglück dünkte, das ihm widerfahren konnte. Marie, die wie gesagt sein heftiges Sträuben zunächst nicht begriff, — es war immerhin die Mutter, die ihn zurückbegehrte, dem Aeußeren nach eine rechtschaffene und gutmütige Frau —, hatte Erbarmen mit seinem Zustand und erlangte durch diplomatisches Zureden von Frau Papier eine achttägige Frist, während welcher sie das widerspenstige Kind gefügig zu machen versprach. Die Frau schien damit zufrieden und entfernte sich. 253

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