Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1933)
- Article
- Marie
- Date
- 1933-10-01
- Page
- 252 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Jakob Wassermann Instinkt heraus mit leiser Stimme, begann er vor sich hin zu lächeln. In diesem Lächeln war alles mögliche enthalten: Verachtung, Unglauben, Bestürzung, Bewunderung, äußerstes Mißtrauen. Schließlich wurde sein Blick durch Maries goldene Armbanduhr gefesselt. Er zog die Brauen in die Stirn und tippte vorsichtig mit dem Zeigefinger auf das Zifferblatt. Dann ließ er sich widerspruchslos wegführen. . . Ähnlich erging es ihr mit der zehnjährigen Sabine Sämisch, von der man ihr berichtet hatte, daß sie seit einer Woche bei einem Kohlenhändler in dessen stockfinsterer Kellerwohnung lebe. Sie war zwei Monate lang auf der psychiatrischen Klinik gewesen, weil sie einen Selbstmordversuch gemacht hatte. Angeblich als geheilt entlassen, weigerte sie sich standhaft, nach Hause zurückzukehren. Sie hatte sieben Geschwister im Alter zwischen zwei und vierzehn Jahren. Die Mutter befand sich seit dem Sommer in der Irrenanstalt. Dadurch gerieten der Haushalt und die Kinder in die ärgste Verwahrlosung. Der Vater war Möbelpacker und wurde stellenlos. Das hinderte ihn nicht, jede Nacht ein Frauenzimmer heimzubringen, fünf oder sechs im Lauf der Zeit. Sie blieben oft auch tagsüber da und mißhandelten die Kinder. Das alles hätte Sabine noch ertragen, wenn nicht die wüsten Auftritte in der Nacht gewesen wären. Entweder prügelte der Vater die Weiber, daß ihr Geschrei durchs ganze Haus gellte, oder, was noch ärger war, die Kinder mußten Zeugen seiner Ausschweifungen sein. Da setzte Sabine eines Tages ihr Bett mit Petroleum in Brand. Im letzten Augenblick zog man sie aus den Flammen. . . Was konnte man diesem verstörten Wesen sagen, was nicht abgestanden und hölzern klang? Man hätte ein Gott sein müssen, um einen Freudenschimmer auf seine Stirn zu zaubern. Dennoch versuchte es Marie. Und als Sabine immerfort auf die Stiefelspitzen der schönangezogenen Dame starrte, hatte die schönangezogene Dame Herzweh. Und ließ am andern Tag ihren Pelz zuhause und hüllte sich in einen unscheinbaren Stoffmantel. Auch wieder Regiekünste. Umlernen in einem grausigen Spiel. Anpassungsversuche mit fragwürdigem Erfolg. Eines Tages gab man ihr die Adresse eines Buttergeschäfts in der Köhlerstraße. Dort war ein vierjähriger Bub aufgegriffen worden, von dem man nach unendlichem Befragen nur erfuhr, daß er Chaim heiße. Ein Ostjudenkind. Gänzlich abgerissen und verhungert. Er war offenbar von zuhause entlaufen und hatte sich tagelang Gott weiß wo herumgetrieben. Die polizeilichen Aufrufe und Nachforschungen hatten kein Ergebnis. Die mitleidige Frau des Händlers hatte das Kind zu sich genommen, aber sie konnte es nicht behalten, sie hatte selber einen Haufen Kinder und war arm. Es war das scheueste Geschöpf, das Marie bis 252