Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1933)
- Article
- Marie
- Date
- 1933-10-01
- Page
- 251 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Marie linge, wenigstens für den Durchschnitt, förderlich war. Es war nicht viel geleistet, wenn man sie von Schmutz und Ungeziefer befreit, sie in reinliche Kleider und reinliche Betten gesteckt und die hungrigen Mäuler mit anständiger Nahrung gestopft hatte. Auch damit nicht, daß man ihnen Zerstreuungen bot, Geschichten vorlas, sie zu Spielen anregte und in Kindergärten schickte. Es waren Kunstgriffe. Genau genommen Erleichterungen für die Obsorger. Ein Sichherumdrücken um das Eigentliche. Es blieben immer zwei Bezirke, die keine Berührung miteinander hatten. Das eisig Trennende war nicht zu überbrücken. Es lag nicht an den Jahren oder den Kastenunterschieden oder den eingefleischten Vorurteilen oder an der Bequemlichkeit hier und der geschlechterlangen Unterdrückung und Entbehrung dort; es lag tiefer. Marie kam nicht dahinter. Sie dachte sich das Hirn wund und kam nicht dahinter, woran es lag. » jDer erste, dessen sie sich annahm, war ein achtjähriger Junge, Heinz Binder. Er und seine vier jüngeren Geschwister waren in einer einfenstrigen Kammer untergebracht, in der außerdem noch die Eltern und drei Arbeitslose schliefen. Der Vater war Gewohnheitstrinker; er hatte nie für die Familie gesorgt. Da er in seinen Trunkenheitsexzessen eine Gefahr für das Leben der Frau und der Kinder wurde, erreichte man seine Internierung in einer Entziehungsanstalt. Die Frau blieb mit den fünf Kindern allein, konnte sie aber nur kümmerlich ernähren, da sie immer schwerer und seltener Beschäftigung fand. Eines Tages, als sie wieder einmal von vergeblicher Arbeitssuche zurückkehrte, entschloß sie sich zu sterben. Die vier jüngeren Kinder waren bei einer Nachbarin.. Heinz war in der Schule. Als er zu Mittag nachhause kam, fand er die Mutter am Fensterkreuz, an einem Strick hängend. Sie röchelte noch. Geistesgegenwärtig holte er eine Schere aus der Tischlade, schnitt den Strick durch und rief die Nachbarn herbei. Die Frau konnte noch rechtzeitig in die Klinik gebracht werden. Marie besuchte sie dort, um wegen Heinz mit ihr zu sprechen. Sie war erst neunundzwanzig Jahre alt. Marie traute ihren Augen nicht, als sie es erfuhr. Gesicht und Figur waren die einer Fünfzigerin. Zwei von den Kindern mußten ins Spital transportiert werden; das eine hatte eine Rückgratsverkrümmung, das andere litt an hochgradiger Anämie. Zwei andere nahm eine Chauffeursfrau zu sich, die im Hause wohnte. Heinz wollte nicht mit Marie gehen. Er musterte sie mit finster-erstaunten Blicken; sie trug einen Pelzmantel und Handschuhe. Er wußte nicht, was die Erscheinung einer solchen Frau in seinem Leben bedeuten sollte. Als sie ihn dann bei der Hand nahm und zu ihm sprach, und zwar aus einem richtigen 251