Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1933)
- Article
- Marie
- Date
- 1933-10-01
- Page
- 250 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Jakob Wassermann ihr ausschließliches Eigentum. Zudem hatte sich Marie seit der Abreise ihres Vaters aufs innigste mit ihnen befaßt. Die Zumutung, ihre Mutter mit einer Anzahl wildfremder Jungens und Mädels zu teilen, konnte das neugeschaffene Verhältnis ernstlich gefährden. Am ehesten waren sie durch List für die Sache zu gewinnen, durch Hinweis auf Spiel und Unterhaltung. Sic fand sie zugänglicher als sie erwartet hatte. Besonders Johann war Feuer und Flamme. Die Beschützer- und Helferrolle, die sie ihm einredete, schmeichelte ihm. Der kleine. Robert schwankte zwischen Neugier und Eifersucht, faßte aber das Ganze schließlich doch als Abenteuer auf. Blieb immer noch das Problem der Zeiteinteilung. Sie hatte bis jetzt viele Stunden täglich mit den beiden verbracht. Fühlten sie sich vernachlässigt, gerieten sie in Trotz gegen sie (die schwersten Verluste erleidet man in der Kindheit durch Trotz), so büßte sie auf der einen Seite ein, im Bereich des Bluts sozusagen, was sie auf der ändern, im Bereich des Dienstes, gewann. Aber was gewann sie denn? Sie hatte sich alles viel einfacher, natürlicher und leichter vorgestellt als es war. Sie hatte nur mit sich, mit der Kraft ihres Wollens, mit der Erfülltheit ihres Herzens gerechnet, nicht aber mit den Menschen, mit denen sie zusammenstieß. vY enn sie es nicht als Seelenwerk betrachten konnte, fehlte von vornherein der Antrieb. Die Leidenschaftlichkeit, die ihr eigen war, verlieh ihrem Unternehmen schon mit dem ersten Schritt einen andern Charakter als den einer philantropischen Flcißaufgabc. Lauheit und Halbheit waren ihr so zuwider, daß ihre Nerven nur dann in Schwingung kamen, Körper und Geist nur dann gehorchten, wenn sie restlos, ja mit einer gewissen Trunkenheit in einer Idee, einer Tat, einer Liebe, einem Menschen aufgehen konnte. Und sie gehörte zu der Gattung Frauen, die seelisch hinwelken, wenn ihnen das Leben solchen Rausch versagt. Dazu kam die ruhelose Wißbegier, die bei ihr der unterste Grund aller Sympathie-Entzündung war. Packen, aufschließen, hineinschlüpfen, bewegen, bewegt werden, danach regelten sich ihre Beziehungen zu Menschen überhaupt, und in diesem Fall besonders. Daher war es nicht immer der unmittelbare Druck einer schlimmen Situation, der sie zum Einschreiten veranlaßte, sondern, ihr fast unbewußt, das Auge, der Blick, die Stimme des betreffenden Kindes, ein Etwas von Persönlichkeit, von Differenziertheit, und das war von Obel, es schuf Konflikte und trübte ihr Urteil. Zudem mußte sie sich überzeugen, daß die körperliche Versorgung allein weder iür sie befriedigend noch für ihre Schütz- 250