Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1933)
- Article
- Marie
- Date
- 1933-10-01
- Page
- 249 (sequence 4)
- Language
- German
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Marie Da waren Kinder, die sie mit verwilderten Airgen anglotzten wie den bösen Feind. Weil die Fürsorge überall gefürchtet und gehaßt war, hatte man ihnen die dümmsten Lügen eingebläut, die sie angstvoll und trotzig herplapperten. Manche standen vor ihr wie galvanisierte kleine Leichname; die verblödeten Mienen erregten den Verdacht, als verstünden sie die menschliche Sprache nicht. Mit dem Mißtrauen waren sie auf die Welt gekommen, alle. Hunger, Schmutz, Roheit, Hoffnungslosigkeit waren ihre natürlichen Lebensbedingungen, von andern ahnten sie nicht einmal etwas. Auch in den Augen der Aufgeweckten wohnte meist eine unergründliche tierische Traurigkeit. Sie hausten in übelriechenden Löchern, gepfercht wie Schafe. Ihre Haut war graugelb wie die Haut mancher Pilze. Wenn sie die Lippen öffneten, sah man farbloses Zahnfleisch. Zum Weinen ist keine Zeit, sagte sich Marie, wenn ihr der Atem stockte und die Hände kalt wurden, zum Weinen haben wir kein Recht, wir, die mit verschränkten Armen dasitzen wie freche Götzen; wie stellen es nur die Leute an, die aus der sogenannten Hilfsaktion einen Beruf machen? Wie kommt es, daß sie ruhig in ihren Häusern wohnen, daß sie essen und schlafen können? Wie sollen wir nach dem, was Tag für Tag geschieht, vor unsern Kindern bestehen? Was sollen sie von uns denken, wenn ihnen später einmal klar wird, daß wir sie mit Phrasen und Unwahrheiten gefüttert und ihnen eine Welt voll Grausamkeit und Irrsinn hinterlassen haben? Sie hatte fünf oder sechs Kindern Unterkunft geben wollen, aber als sie einmal begonnen hatte, war es schwer, die Grenze zu ziehen. Sie durfte vor allem ihre Mittel nicht überschreiten, sonst war der Anfang auch schon das Ende. Sie brauchte freiwillige Helferinnen für die Pflege. Die fanden sich. Ellen Ritter empfahl ihr mehrere, unter denen sie wählen konnte. Sie entschied sich für zwei junge Mädchen, Fräulein Bertram, Tochter eines Studienrats, und Grete Kohl, ein rothaariges, etwas vertrocknetes, aber gutherziges Geschöpf. Eine Zeitlang hatte Marie auch an Aleid gedacht, ihre Tochter aus erster Ehe; sie war in dem Alter, daß sie der Mutter hätte beistehen können. Marie hatte ihr geschrieben, jedoch eine ausweichende Antwort bekommen; die Großmutter wolle sie nicht fortlassen; sie könne sich jetzt nicht gut von Dresden trennen, gewisse Beziehungen hielten sie fest, und dergleichen mehr. Da verzichtete Marie. Sie wußte längst, daß sie Aleid verloren hatte. Man verliert eben Kinder, auch wenn man sich noch so sehr um sie bemüht hat. Manches Kopfzerbrechen bereitete ihr die Frage, wie sie die veränderte Haushalts- und Lebensform Robert und Johann, ihren zwei Knaben, begreiflich machen solle. Fünf- und neunjährige Buben sind Autokraten, die Mutter erscheint ihnen als 249