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Der Morgen · 1933-10-01 · Heft 4 (Oktober 1933) · p. 244

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 4 (Oktober 1933)
Article
Biblischer Humanismus
Date
1933-10-01
Page
244 (sequence 4)
Language
German
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Marlin Buber Das Wort der griechischen Antike ist abgelöst und ausgeformt. Es wird dem Block des faktischen Gesprochenwerdens enthoben, mit dem Meißel der Denkkunst, der Redekunst, der Dichtkunst behauen, in das Reich der Gestalt versetzt. Es würde als roh und unbrauchbar, als barbarisch gelten, wenn ihm Unmittelbarkeit anhaften bliebe. Erst wenn es reine Gestalt wurde, gilt es. Das Wort der hebräischen Bibel hat seine Reinheit nicht in der Gestalt, sondern in der Ursprünglichkeit; wo es einer Bearbeitung unterlag, die sich als Kunst wußte, verunreinigte sie es. Das biblische Wort hat da seine ganze biblische Mächtigkeit, wo es in der Unmittelbarkeit, in der Gesprochenheit verblieben ist. Daß ein Psalm Aufschrei und nicht Gedicht, daß Prophetenrede Anruf und nicht formgerechte Allokution ist, das gehört wesentlich zur Biblizität des biblischen Wortes. In der Bibel verwandelt sich die Stimme des sprechenden Menschen nicht, sie bleibt wie sie ist, und doch erscheint sie als aller Beiläufigkeit entrückt, sie ist eben ursprünglich. Darum aber auch ist es im Bereich dieses Wortes möglich geworden, daß die vermenschte Gottesstimme, in menschlichem Idiom ertönend, von Menschcnlcttern eingefangen, doch nicht wie der Part eines Gottes in den Epiphanien der griechischen Tragödie vor uns redet, sondern z u uns. Weil das Wort der griechischen Antike bearbeitetes, gehämmertes Wort ist, weil es Werk ist, tendiert es zum Monologischen. Die Luft des einsamen, bildnerischen Geistes umgibt es auch noch auf der Tribüne. Es tut der Haltung des athenischen Rhctors keinen Abbruch, daß er seine Reden entwirft und einübt; ein Prophet, der das täte, wäre ausgewischt. In der sokratischen Ironie birgt sich ein elementares Unbewegtbleiben im Verkehr; wo in der Bibel ein Gedanke sich äußert, blickt der Sprecher sorgend auf den Hörer. Wen immer der tragische Chor anredet, Menschen oder Götter, letztlich ist es Anrede nicht, der schicksalkündende Gesang erfüllt sich in sich selber; der Psalmenchor, der gebetet hat: „Erlöse uns deiner Huld zu willen!'*, horcht nun in der Stille, ob er erhört worden ist. Unverklärt und ungedämpft bewahrt das biblische Wort den dialogischen Charakter der lebendigen Wirklichkeit. Und wie die Artung des Wortes hier und dort grundverschieden ist, so wird das Wort hier und dort grundverschieden erkannt, Grundverschiedenes wird von ihm gelehrt oder berichtet. Der Logos der Griechen ist; er ist ewigseiend (Heraklit); und wenn der Prolog des hellenisierenden Johannes-Evangeliums wie die hebräische Bibel mit einem „Im Anfang" beginnt, läßt er sogleich das völlig unhebräische „war das Wort" folgen. Im Anfang der biblischen Schöpfungsgeschichte ist das Wort nicht, 244

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