Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1933)
- Article
- Biblischer Humanismus
- Date
- 1933-10-01
- Page
- 245 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Biblischer Humanismus es geschieht, es wird gesprochen. Hier gibt es kein „Wort", das nicht gesprochen wird; das einzige Sein des Wortes ist sein Gesprochensein; aber alles Sein der seienden Dinge kommt vom Gesprochensein, Gesprochenwerden des Urworts her: „er selber sprach, und es ward". Die Griechen lehren das Wort, die Juden berichten es. Die Verschiedenheit des Wesens überträgt sich in die der erzieherischen Wirkung. Der abendländische Humanismus empfängt die Sprache als G e b i 1 d, und so geht er auf „eine Befreiung der eigentlich bildnerischen Kräfte des Menschen" (Burdach) aus; das „geistige Imperium", das er errichten will, „darf man das Apollinische heißen". Bildnertum ist über die Welt gesetzt; bildnerisch ist die höchste Macht des Geistes, zum Gebild will sie die Person, zum Gebild die Polis vollenden. Ein anderes muß das Gesetz eines biblischen Humanismus sein. Er empfängt die Sprache als Geschehen, als das Geschehen in der Gegenseitigkeit; so muß er denn auf ein Geschehen, und zwar auf ein Geschehen in der Gegenseitigkeit abzielen. Er meint nicht die in sich beschlossene Person, sondern die offene; nicht die Gestalt, sondern die Beziehung; nicht die Bewältigung des Geheimnisses, sondern die Unmittelbarkeit zu ihm; nicht den Denker und Meister des Worts, sondern seinen Hörer und Vollstrecker, seinen Beter und Künder. Und er meint nicht den vollkommenen Bau der Polis, nicht das freie und beherrschte Zusammenspiel der Glieder eines Staatsleibes, sondern die „Eda", die gegenwärtige Gemeinschaft all dieses Volks untereinander, zwischen Mensch und Mensch die echte Unmittelbarkeit der „.Gerechtigkeit" und der „Liebe", der „Holdschaft" und der „Treue", — diese Eda aber als „Eda Gottes", denn sich als Gemeinschaft erfüllend leistet das Volk dem Anspruch seines Herrn die rechtmäßige Antwort, es erfüllt das Wort. Personhaft und volkhaft erfüllt sich das Wort nicht im Gebild, sondern in der Bewährung. Bewährung aber gibt es nicht in der Dauer, wie sie dem Werk, dem Gebild zugehört, es gibt sie nur im faktischen Augenblick. Der biblische Humanismus kann nicht, wie der abendländische, über die Problematik des Augenblicks erheben; er will zum Standhalten in ihr, zur Bewährung in ihr erziehen. Diese Wetternacht hier, diese niederzuckenden Blitze, diese Androhung des Verderbens: entflieh dem in keine Welt des Logos, in keine der vollkommenen Gestalt, halte Stand, höre im Donner das Wort, gehorche, erwidre! Diese furchtbare Welt ist die Welt Gottes. Sie fordert dich an. Bewähre dich als Gottes Mensch in ihr! So spräche sich im biblischen Humanismus eine Wiedergeburt der normativen Urkräfte Israels aus. 245