Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1933)
- Article
- Biblischer Humanismus
- Date
- 1933-10-01
- Page
- 243 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Biblischer Humanismus Menschen zu. Die Erfüllung jener in diesem ist es, was die .biblisch-humanislische Erziehung meint. Sie will den Juden von heute zu seinem Urgrund zurückführen. Sein Urgrund aber ist da, wo er die Stimme des Unbedingten hebräisch erschallen hört. Dem biblischen Humanismus ist es um eine „konkrete Umgestaltung" unseres gesamten — und nicht unseres inneren Lebens allein zu tun. Diese konkrete Umgestaltung kann nur von einer Wiedergeburt der normativen Urkräfte aus erfolgen, die zwischen Recht und Unrecht, Wahr und Falsch scheiden und denen das Leben sich unterwirft. Die Urkräfte sind uns im Wort, im biblischen Wort überliefert. Auch wer wie ich das biblische Wort nicht an die Stelle der Stimme treten zu lassen, es nicht als ihre absolute, zureichende, unwandelbar gültige Aussprache anzuerkennen vermag, auch dem muß es gewiß sein, daß wir das Normative nicht anders wahrhaft wiedererlangen können, als indem wir uns dem biblischen Wort erschließen, darin es eben als Urkraft erscheint: Urkraft, vermöge derer eine Gemeinschaft ein ihr Kundgetanes vernimmt und annimmt, Urkraft, vermöge derer der Führer dieser Gemeinschaft ihr, ohne es sich selber irgend zuschreiben zu können, vielmehr als ein Offenbartes kundtut, was sie vernehmen und annehmen soll. Wir sind nicht mehr Gemeinschaft, die dessen mächtig ist, aber wenn wir uns dem biblischen Wort auftun, wenn der Einzelne sich von ihm in sein persönliches Leben treffen läßt, das Walten des Normativen in sich aufnimmt, dann dürfen wir hoffen, daß die so — verschieden und doch gemeinsam — Ergriffenen wieder zur Gemeinschaft in jenem Ursinn zusammenwachsen. Unter biblischem Wort aber ist hier nicht dessen Gehalt, sondern das Wort selber zu verstehen. Die eigentliche Wirkung tut nur das ursprüngliche Wort im Geheimnis seiner Gesprochenheit: wenn man es so nachspricht, daß es jetzt und hier gesprochen ist. Das biblische Wort ist übersetzbar, weil es einen Gehalt hat, mit dem es an den Menschen ergeht. Es ist unübersetzbar, weil es ein Sprachgeheimnis hat, mit dem es an Israel ergeht. Im Zentrum eines biblischen Humanismus steht der Dienst an dem unübersetzbaren Wort. Die Bezeichnung eines Humanismus habe ich für unsere pädagogische Provinz gewählt, weil auch hier den Tiefen der Sprache der Baustoff für die Struktur der Person abgewonnen werden soll. Aber mit dem Beiwort „biblisch" wird doch alles von Grund aus anders. Denn das ist von Grund aus andere Sprache nicht nur, es ist von Grund aus anderes Sprechen und anderer Spruch. 243