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Der Morgen · 1933-10-01 · Heft 4 (Oktober 1933) · p. 238

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Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 4 (Oktober 1933)
Article
Das Judentum in der Gegenwart
Date
1933-10-01
Page
238 (sequence 2)
Language
German
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Leo Baeck dem er lebt, der sich eine letzte, untrügliche Erkenntnis, eine „Gnosis", beimißt, ist die Annahme zweier in einer körperhaften Mitgift sich darstellenden Schicksalsreiche, die im All einander gegenüberstehen, eines Schicksalsgebietes des Lichtes und eines Schicksalsgebietes der Finsternis. Er hat immer dann die Gemüter ergriffen, wenn ein Zwiespalt, ein Riß im eigenen Innern so stark, so quälend empfunden worden ist, daß er auch in die Schöpfung und in die Geschichte hinausverlegt wurde, so daß auch sie durch diesen Zwiespalt bezeichnet sein sollten. Dieses alte Meinen und Denken aus jener Wende der Tage ist heute, fast mit den gleichen Mythen, wieder lebendig geworden und in ihm wiederum auch ein ganz Besonderes und Bezeichnendes. Denn so wie einst, in einer von jenen östlichen Formen der Religion, einer, deren sich damals die junge christliche Kirche in entscheidendem Ringen erwehren mußte, als jenes große Reich des Dunkels das Judentum erscheint, so wird es, in demselben Bilde, auch heute von so manchen Glaubenden geschaut. Der Kampf zwischen Licht und Finsternis soll ihm gelten. Ins Übergeschichtliche hinein wird hier das Judentum gehoben, in jenen mythischen Bereich hinein, in welchem Schicksalswelten gegen einander stehen, — ein übergeschichtliches Subjekt der Geschichte. Aber auch auf diesseitigerem Boden sieht sich das Judentum heute auf einen Platz gerückt, vor dem Gedanken sich scheiden und Meinungen sich erregen. Innerhalb des deutschen Protestantismus "hat sich vielfach gegenüber den Fragen, die sich aus den Beschaffenheiten, den Beständen und Zuständen dieser Welt ergeben, eine neue Art der theologischen Beantwortung durchgesetzt, die von einem Glauben an „Schöpfungsordnungen" ausgehen will und sich hierfür, sei es mit Recht oder Unrecht, auf die Lehre Luthers beruft. Gesellschaftliche, staatliche, volkhafte, lebensförmige, auch wirtschaftliche Gestaltungen, die man in der Vergangenheit erkennen will oder für die Zukunft sucht, werden hier als eine Schöpfungsordnung bezeichnet oder wenigstens mit ihr begründet Gott habe umschließende Bestimmtheiten, Gegebenheiten, Höhen und Niederungen. Gegensätze und Unterschiede gestiftet und sie als ewige Gesetze in die Menschenwelt gelegt; wer sie nicht anerkenne oder sie beeinträchtigen wolle, der vergehe sich gegen Gott und seinen Schöpferwillen. Nicht der geschaffene Mensch als einzelner, sondern dieses Andere, ihm Umfassende, als ein Endgültiges, Schicksalsmäßiges, in das der Einzelne nur eingefügt sei, sei das von Anbeginn an Gedachte und Verordnete, der unverbrüchliche Wille des Schöpfers. Nur in ihm könnten darum der Sinn und die Aufgabe des Lebens gewiesen sein, und alle wahre Frömmigkeit, alle Hingebung an den Willen Gottes könne ihren Grund nur in dem glaubigen Wissen hiervon besitzen. Und wiederum will, 238

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