Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1933)
- Article
- Das Judentum in der Gegenwart
- Date
- 1933-10-01
- Page
- 237 (sequence 1)
- Language
- German
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Das Judentum in der Gegenwart Von Leo Baeck Dem jüdischen Menschen ist in der Gegenwart ein ganz Besonderes zugeteilt. Er erfährt, daß er in einen Mittelpunkt gerückt werden soll, daß mancherwärts ein geschichtliches Wollen und Werden in der Stellung zu ihm den eigenen Ort und die eigene Richtung zu bestimmen sucht. Auch hieraus spricht die Frage, die oft gestellt worden ist, ob das Judentum jemals, oder zumindest seit dem Schwinden seines staatlichen Platzes, Subjekt einer Geschichte gewesen sei, ob es nicht seit je, oder wenigstens seit sehr langem, in dem Schicksal stehe, immer nur Objekt der Völker und der Gruppen, der Bewegungen und Bestrebungen zu sein. Wird unter Geschichte nur das Gegeneinander und Nebeneinander von Gewalten, das wechselnde Spiel von Macht und Ohnmacht verstanden, dann ist in der Tat Geschichte fast immer nur am Juden geschehen. Begreift man aber' als Geschichte ein Anderes, ein lebendiges Wirken von Kräften — und wer hinter den Episoden, diesem Hereinkommenden, die Epochen, dieses Haltende, Anhaltende erschaut, wer hinter dem Stande der Ereignisse, der Konstellation, die führende Bahn erblickt, der erkennt diese wahre Geschichte —, dann ist das Judentum, seit es ist, ein lebendiges, wirksames Subjekt der Geschichte.' Es ist das gewesen und ist es geblieben mit all dem Bedeutsamen, dem Schweren und Fordernden, das darin gegeben ist; wen immer sein Judentum wahrhaft erfaßt hat, ist dessen alsbald gewiß geworden. Aber das, was heute dem Judentum so oft und so vielfach zürn Geschicke wird, ist doch noch ein Anderes. Was es ist, zeigen schon die großen, Jedem sichtbaren Umrisse, in denen sich heute ein neuer Glaubensdrang abzuzeichnen beginnt. Unsere Zeit erfährt das Wiederaufleben eines religiösen „gnostischen" Dualismus. Einst an der Wende der alten Zeit war er in den nach Westen vordringenden orientalischen Religionssystemen bestimmend gewesen, und die Welt des Altertums ist schließlich durch ihn zersetzt und zerstört worden. Nur das Judentum hat damals, allerdings in schweren geistigen Kämpfen, seinem Einbruch zu widerstehen vermocht Der Glaube, von 237