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Der Morgen · 1933-10-01 · Heft 4 (Oktober 1933) · p. 239

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Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 4 (Oktober 1933)
Article
Das Judentum in der Gegenwart
Date
1933-10-01
Page
239 (sequence 3)
Language
German
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Das Judentum in der Gegenwart auch hier, für manchen Gläubigen das Judentum als der große Widerpart der Geschichte, ja fast als der Widerpart Gottes erscheinen. Denn sein Glaube, daß Gott die Arten, die Stämme, die Gattungen, die Völker, gewiß, als Formen des Menschentums geschaffen hat, aber in ihnen als das Wesentliche den einzelnen Menschen, jeden mit eigenem, unvergleichlichem Gepräge, jede Seele als Ebenbild des einen Gottes, sein Glaube, daß damit die Kraft, zu Gott zu kommen, zu ihm zurückzukehren, neu zu werden und fromm zu sein, in jeden Menschen gelegt sei, in das Kind des Ostens wie in das des Westens, und daß diese Kraft stärker sein könne als alles Schicksal, als alles Einfügende und alles Gewordene, sein Glaube, daß dieses Gesetz des Schöpferischen im Menschen allen Gesetzen des Geschaffenen an ihm erst Bedeutung, Wert und Gehalt gibt, daß dadurch erst alles Werdende sich zum Gebilde gestalte, alle Menschengeburt zum Menschentum, dieser Glaube des Judentums ist in der Tat der große Widerspruch zu jener Lehre von den Schicksalsordnungen. Und er ist damit in Wahrheit ja auch ein geschichtlich Bestimmendes, ein Subjekt der Geschichte. Auf jeden Juden dringt es so heute immer wieder ein, wie vielerlei Denken und Sinnen und Wähnen sich um ihn, um seine Art und seine Religion bewegt, und wie oft er, weil man ihn in seinem Besonderen und Geschichtlichen nicht begreift, ins Seltsame und Wunderliche übersteigert wird. Was Paulus in seinen Tagen von seinem Glauben und seiner Predigt sagte, daß sie den einen „ein Ärgernis", den andern „eine Torheit" sei, das hat in Wirklichkeit das Judentum immer erfahren, und in unseren Tagen mehr denn je. Dem einen ist es das Ärgernis, der Anstoß, dem anderen die Torheit, das Unverständliche. Immer wieder drängt es sich so dem Juden in der Gegenwart auf, und es muß ihm zum Erlebnis werden. Es ist die Gefahr, daß dieses Erlebte dem Juden hier zum inneren Drucke und dort zu einer geistigen Überheblichkeit werde. Beides würde einen verhängnisvollen seelischen Notstand bedeuten. Ihn zu überwinden, ist die entscheidende Aufgabe. Sie kann erfüllt werden nur durch das lebendige Bewußtsein von dem eigenen GeschiehtHchen, von dem Platz, den es gewiesen hat, von dem Wege, zu dem es mahnt, von dem Persönlichen und zu Behauptenden, das es fordert. Das Judentum hat sich selbst immer in seinem Prophetischen, mit dem es einst begonnen hatte, wiedergefunden, in diesem Willen, „zu rufen", in dem Aufrufe zur Selbstbesinnung, in dem Aufrufe des Menschen zum Menschen. Ihn muß der Jude selbst am stärksten vernehmen, ihn an sich immer wieder gerichtet wissen. Dadurch wird er seiner selbst gewiß werden, dadurch wird er seine Geschichte erleben — ein Subjekt vor allem seiner eigenen Geschichte. 239

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