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Der Morgen · 1933-10-01 · Heft 4 (Oktober 1933) · p. 235

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 4 (Oktober 1933)
Article
Disziplin
Date
1933-10-01
Page
235 (sequence 3)
Language
German
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Disziplin Soll es dann also gar keine Vertretung des Judenturas geben können? Denn Judentum existiert ja nicht abgelöst, für sich, sondern fügt sich zusammen aus den tausend Brechungen, Schattierungen und Formen, in denen es im Einzelnen gelebt wird. Jeder deutsche Jude verkörpert also ein Stück Judentum (während die Parteien diese lebendige Wirklichkeit nur zu oft lediglich organisieren und dogmatisch erstarren lassen), und jeder Einzelne kann deshalb, darf und muß für das Ganze zeugen, — aber eben nicht in seiner privaten Person, sondern als wirksamer Teil, als Funktion des Ganzen. So geringfügig dieser Unterschied erscheint, er ist grundsätzlicher Art; hat er doch eine völlige Verschiebung der persönlichen Haltung zur Folge, die es z. B. verbietet, auf Angriffe, die nicht der Person, sondern dem Juden in ihr gelten, mit Äußerungen persönlichen Ehrgefühls zu reagieren: die einzig zureichende Antwort ist ein Bekenntnis zum Judentum oder — Schweigen. Allein aus dieser Haltung heraus ist aber auch ein bei allen Verschiedenheiten der Einzelnen und Parteien gemeinsamer Geist und damit eine gemeinsame Willensbildung möglich: ohne sie sind die glänzendsten Individualitäten tragische Einsame ohne Bedeutung für das Ganze. Nur aus dieser Haltung können verbindliche Wertsetzungen, und damit auch Autorität und Disziplin erwachsen. Und diese Haltung allein kann den Ausgleich sozialer Unterschiede erreichen, wo es nicht nur um die Verteidigung lebendiger geistiger und seelischer Werte, sondern auch um materielle Interessen geht. Denn in den meisten Fällen verdankt der Einzelne das Glück, seinen bisherigen sozialen Stand aufrecht erhalten zu können, mehr dem Zufall seines Geburtsjahres und der Berufswahl als persönlichem Verdienst; eine ganze Generation, zu jung, dem Vaterland an der Front gedient zu haben, alt genug, um in schweren bitteren Jahren eine neue Synthese ihres jüdischen Bluterbes mit deutscher Kultur im Leben zu bewähren, muß sich ihr Brot in der Fremde suchen. Soll also nicht ein privilegierter Stand weniger Einzelner, ein neues „Hofjudentum" entstehen, so müsseh die Wenigen im Lichte Sachwalter nicht ihrer eigenen Lage und Partei, sondern der namenlosen Massen im Schatten sein. Kaum eine Zeit hat mit solcher Deutlichkeit erlebt, in wie hohem 235

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