Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1933)
- Article
- Disziplin
- Date
- 1933-10-01
- Page
- 236 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Disziplin Maße Grundsätze, die als unverrückbare Lebensbasis galten, sich wandein, wenn der Zuschnitt des Lebens sich ändert. Sollen, darum Meinungen entscheiden dürfen, wo die Not gewaltige klare Aufgaben stellt? Denn der ganze Bau der deutschen Judenheit ist neu zu fundieren, ihr geistiger und wirtschaftlicher Lebensraum aufzubauen, und eine drängende Frage jagt die andere. Wollen wir — und wir wollen! — Judentum als lebendigen Wert, deutsche Juden als Träger eines unverlierbaren Teils deutscher und jüdischer Kultur erhalten, so kann es nur in einer Form geschehen, die dem Einzelnen allen Spielraum seiner Persönlichkeit läßt, die ihn aber nicht als Einzelnen, sondern als Teil und Träger des Ganzen begreift, — und es kann nur in freiwillig strenger Disziplin geschehen. Diese Zeitschrift soll, in neuem Gewände und unter neuer Leitung, unverändert, wie ihr Begründer es aussprach, „dem geistigen Schicksal des deutschen Judentums dienen". Sie will ein ungeschminktes Bild des Judentums darstellen, nicht nur einer Außenwelt gegenüber, deren Urteil starke Schwankungen zeigt, sondern auch für den deutschen Juden selbst, der die wechselnden Seiten seines Wesens gespiegelt, zum Bild geformt sehen soll, um sich selbst immer klarer auszuformen. Deshalb soll keine Richtung des Judentums ausgeschlossen sein, keine aber auch mehr Anteil verlangen können als sie selbst am Ganzen hat, und keine unfruchtbar gegen die andere polemisieren. Wir wollen auch, in voller Wahrung der persönlichen Freiheit unserer Mitarbeiter, keine Mosaikarbeit von Ansichten und Meinungen liefern, sondern eine einheitliche Linie wahren: über den Problemen des Tages, über den Parteien stehend das reinere Leben des Geistes verfolgen, in dem die eigentlichen Entscheidungen fallen. Wir werden deshalb einer neuen religiösen Strömung aufmerksam folgen, werden unbefangen in die Vergangenheit blicken und sorgsam die Pläne der Zukunft umreißen. Vor allem aber haben wir Zeugnis abzulegen für die Verbundenheit deutscher Juden mit ihrem Heimatland, und unsere schwerste und schönste Pflicht ist es, ihnen und der Umwelt einen Standort aufzuzeigen, der als geistiger Lebensraum kein neues Ghetto, wenn auch nicht der Rang in der Elite der Nation sein wird, den ein Nietzsche voraussah und begrüßte. 236