Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 3 (August 1933)
- Article
- Unser Weg
- Date
- 1933-08-01
- Page
- 217 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Unser Weg Heimat, ein deutsches Judentum erhalten und weiter führen. Wenn man auch versucht, uns unser Deutschtum, unser deutsches Wesen abzusprechen, wir wissen, wie es darum bestellt ist Wir wissen, daß hier die Wurzeln unseres Seins liegen, daß man uns das nicht nehmen kann, ebenso wenig wie man dem Menschen die Seele rauben kann. Unser Judentum, so wie wir es erleben und erfühlen, kann nur in unserer Heimat, auf unserm deutschen Boden bestehen. Auf dem Boden, den schon durch Jahrhunderte unsere Väter als ihre Heimat gefühlt, für den sie litten und starben. Und so müssen wir versuchen, diese Heimat, wo immer es auch sei, in uns mitzutragen, müssen versuchen, wohin das Schicksal uns :.uch treibt, unser Deutschtum, auch fern der deutschen Erde, in uns weiterglühen zu lassen. Zu all dem ist aber Abkelir vom .Uten notwendig, Hinwendung auf ein Neues, dh. nur auf ein äußerlich Neues. Denn in Wirklichkeit kreist ja dieses Neue, zu dem wir nun gewaltsam gezwungen werden, schon lange in uns, liegen diese neuen Möglichkeiten in der Zeit, in der Zeitwende, die wir heute durchleben. Die jeder heute durchlebt, sei er Jude oder nicht, Deutscher oder Nichtdeutscher, Alt oder Jung. Was hinter uns versinkt, das ist die Zeit, die sich* so gern das Jahrhundert des Fortschritts nannte. Abkehr vom Betrieb, vom Getriebe, das sind für uns keine Schlagworte mehr, das ist innere Notwendigkeit geworden. Wir fühlen, daß uns diese Zeit nicht mehr viel zu sagen hat, daß die großen Strömungen, die heute jedes Volk, jede Gemeinschaft, ja jeden "Einzelnen durchfluten und bewegen, uns umschaffen und umformen, daß ein neues Welt- und Menschenbild heraufkommt. Nicht mehr der Intellekt, die ratio, sondern das nur mehr Erfühlbare, das Irrationale, der Mythos, wie man es heute so gern nennt, füllt uns wieder aus; und damit ein Bedürfnis nach Religion. Denn Religion ist Sinn für das Geheimnis (Leo Baeck). Wir Juden sind nun auf einmal gezwungen, Schluß zu machen mit dem Alten, neu zu beginnen. Und so müssen wir beginnen mit einer deutlichen Hinwendung zu diesem neuen Menschen. Das ist das Gute an dem, was uns geschehen Ist Daß wir uns besinnen müssen auf uns selbst, auf die lebendigen Wurzeln unseres Wesens. Daß wir herausgerissen werden aus dem Altgewohnten, uns umzugestalten, uns neu zu gestalten. In all dem Furchtbaren dieser Tage liegt doch dieser Gewinn: Hätten wir uns so weiter treiben lassen, wie bisher, dann wäre einmal der Zeitpunkt gekommen, an dem es kein deutsches Judentum mehr gegeben hätte. Aufgesogen von der Umwelt, durch eine öde, rein äußerliche Assimilation seiner Wesens- 15 217