Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1933-08-01 · Heft 3 (August 1933) · p. 218

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 3 (August 1933)
Article
Unser Weg
Date
1933-08-01
Page
218 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2895450-2895515-2895519-2903095--06503-2903190
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Paul Schreiber: Unser Weg eigenart und Kraft beraubt, hätte es keinen Daseinssinn und damit auch keine Daseinsberechtigung mehr gehabt. Jetzt aber sind wir unwiderstehlich heruntergezv-angen von diesem Weg. Wir beginnen wieder einzusehen, daß wir nur als Deutsche und als Juden etwas leisten können. Daß wir der Gesamtheit nur so etwas bedeuten können, daß wir nur so weiter bestehen können. Wenn wir das aber erst erkannt haben, dann wird es auch wieder vorwärts gehen. Goethe schreibt einmal in sein Tagebuch: Deutsche gehen nicht zugrunde ebensowenig wie die Juden, weil es Individuen sind (i5. III. 1S08). Darauf allein kommt es an, nichts anderes kann unsere Aufgabe sein. Wir müssen wieder wir selbst werden. Nicht im Sinne eines schrankenlosen Individualismus, sondern nicht mehr und auch nicht weniger als deutsche Juden. Wir müssen wieder in uns selbst gefestigt werden. Wovor wir uns hüten müssen, das ist, jetzt den Kopf hängen zu lassen. Verzagt sein und sagen: nachdem all das über uns hereingebrochen ist, können wir nichts mehr tun; wir können uns nur noch treiben lassen. Nein, und tausendmal nein! Wir dürfen nicht mit uns geschehen lassen, wir müssen handeln. Wir dürfen nicht alles hinwerfen und was kommt fatalistisch über uns ergehen lassen. Wir müssen anfangen aufzubauen, ein Gerüst zimmern, das uns Halt und Stütze sein kann. Wir müssen wieder wir selbst, müssen wieder bewußt deutsche Juden werden, mit all der Tragweite und Verantwortung, die dieser Begriff in sich birgt. Dann werden wir auch, wo immer es sei, weiter bestehen können. Dann wird da, wo wir sind, für uns Deutschland sein. Dann werden auch die, die nach uns kommen, eine Heimat finden, in der sie frei atmen können und nicht wurzellos hinvegetieren müssen. Wenn wir das erreichen, dann wird auch das Geschehen dieser Tage zum Guten sein. 218

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.