Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1933-08-01 · Heft 3 (August 1933) · p. 216

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 3 (August 1933)
Article
Unser Weg
Date
1933-08-01
Page
216 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
99% known words query
IRI
…/2895450-2895515-2895519-2903095--06501-2903188
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Unser Weg Von Paul Schreiber Wir, das sind wir jungen deutschen Juden, wir stehen heute zwischen den Zeiten. Von einem Tag auf den anderen hat es in uns einen Riß gegeben. Gestern noch standen wir in der Vorbereitung, arbeiteten wir auf einen Beruf hin, den wir uns als Lebensinhalt gewählt hatten, und heute sind wir aus allem herausgerissen. Was bis gestern war, hat für uns seine Bedeutung verloren. Wir können nichts mehr damit anfangen. Vor uns Hegt unbebautes Brachland. Es zu bebauen, auf ihm uns eine neue Lebensmöglichkeit zu schaffen, ist unsere Aufgabe. Was wir dazu mitbringen, ist zweierlei. Unsere Jugend und unser deutsches Judentum. Aus dem Zusammenklingen dieser beiden Faktoren heraus müssen wir an den Aufbau gehen. Ohne viel Nachdenken über das, was geschehen ist und warum es geschehen, nur mit dem heißen Willen, für uns, und noch mehr für die, die nach uns kommen, etwas zu schaffen, um frei und aufrecht leben zu können. Eine Mitarbeit am Staat, am Volk, wie sie uns als Sinn und Ziel vorgeschwebt hat, ist nicht mehr möglich. Man stößt uns fort. Sich aufzudrängen wäre würdelos. Ein Weiterarbeiten in den alten Bahnen ist nicht mehr möglich. Wenn man uns auch vielleicht gestattet, unsere Ausbildung zu vollenden, eine Arbeitsmögiichkeit wird es für uns nicht mehr geben. So sind wir also an den Beginn gestellt. Vor die Aufgabe, etwas Neues zu schaffen. Ob wir wollen oder nicht, wir müssen neue Wege gehen — andere als bisher, wahrscheinlich schwerere. Unsere Aufgabe aber kann nur sein,, das deutsche Judentum weiter zu führen. Denn in keinem anderen Raum können wir existieren. Und nicht nur für uns, nein auch für die, die nach uns kommen, und denen wir eine bessere Zukunft bereiten wollen, müssen wir eine deutsche 216

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.