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Der Morgen · 1933-08-01 · Heft 3 (August 1933) · p. 210

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Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 3 (August 1933)
Article
Unsere rationale Erziehungsaufgabe
Date
1933-08-01
Page
210 (sequence 3)
Language
German
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Kurt Berget warnt und Geist überhaupt entwertet, ersteht dem Judentum eine rationale Erziehungsaufgabe, die sich jedoch selbst immer wieder ihrer Teilhaftigkeit im Erziehungsganzen bewußt werden muß. Gelehrtenerziehung in irgendeinem Sinn hat heute — wenn man jüdische Erziehung im Großen be-» trachtet — für uns keinen Sinn mehr. Aber es gibt eine rationale Gesinnung, die zu bewahren gerade darum zu unsrer „Aufgabe" gehört, weil sie heute unmodern ist. Diese Gesinnung ist keineswegs an die besondere Tätigkeit des Wissenschaftiers gebunden, sie erweist sich vielmehr in jeder Aussage über eine Wirklichkeit, ob sie nun von einem Chaluz, einem jüdischen Kaufmann oder einem Rabbiner ausgesprochen wird. Rationale Gesinnung läßt sich nicht ohne weiteres als Wik .ur Objektivität, etwa im Sinne des 19. Jahrhunderts, umschreiben, denn in ihr liegt zugleich das ganze Mißtrauen unserer Zeit gegen Objektivität als menschlicher Möglichkeit überhaupt. Ich meine nicht das Mißtrauen derjenigen, die in allein Willen zur Sachlichkeit eine Zerstörung des Seelischen, Intuitiven, Schöpferischen sehen wollen, ich meine vielmehr die kritische Frage des Wissenschaftlers, vor allem auch der Soziologen, ob und wie es eine Objektivität in der Betrachtung geschichtlicher Tatsachen überhaupt geben könne. Dieses Mißtrauen gegen „vorurteilsfreie" Aussagen muß dem Schüler heute zu eigen werden. Man fürchte nicht, ihn durch fruchtbare Kritik unsicher zu machen. Es gibt eine Objektivität, die ein allzu sanftes Ruhekissen ist. Diese Kritik an der Objektivität aus der Erkenntnis, daß man selbst in jeder Aussage an seine eigene Grundlage letztlich gebunden bleibt, gibt dem Schüler erst das Gefühl der Sicherheit, wenn er die eigene Voraussetzung selbst einmal durchschaut hat.'Wir machen uns also nicht klein, um ganz objektiv sein zu können, denn es hat sich unabweisbar gezeigt, daß solche Bemühungen, sich selbst um einer Sache willen auszuschalten, pädagogisch unfruchtbar sind: denn von sich ganz abzusehen, ist gerade dem selbständigen Schüler unmöglich oder mindestens uninteressant. Erst wenn er von seinem individuellen und gesellschaftlichen Standort aus vor allem als Jude zu fragen gelernt hat, erschließt sich ihm eine lebendige Objektivität. Hat der Lehrer ein unmittelbares Verhältnis zum Stoff, so braucht er ihn nicht mehr wie einen Schmetterling zu töten und gleichsam auf ein Untersuchungsbrett aufzuspießen. — Ich meine demnach eine Gesinnung, welche — sich ihrer eigenen Standortsgebundenheit je und je bewußt werdend — auf eine humane Objektivität abzielt, auf ein kritisches Verstehen aller Gegebenheiten. 210

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