Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 3 (August 1933)
- Article
- Unsere rationale Erziehungsaufgabe
- Date
- 1933-08-01
- Page
- 209 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Kurt Berge!: Unsere ratioaale Erziehungsaufgahe kulturelle Wiedergeburt nur durch die Kräfte einer unvermischten Rasse für möglich hält, so bedeutet das eine Ableitung alles Geistes, der Ratio, alles Gefühlslebens und damit jeder Ivulturleistung von bloßen Naturgegebenheiten. Wenn wir Juden uns dem gegenüber als „Stamm" verstehen, so meinen wir damit mehr und zugleich weniger als Rasse. Mehr: insofern wir uns vor allem als Träger einer geoffenbarten Aufgabe wissen; weniger: insofern wir voa de* uns rassisch verwandten Völkern durch den Gottesbund geschieden sind. In unserem Biologieunlerricht darf also beispielsweise der Begriff der Rasse nicht beliebig zu einem absoluten Maßstab für Werte verwendet werden, bevor man nicht Rasse und Kulturleistung eindeutig einander zuordnen kann. Seit dem „du sollst" des Zehnworts, welches das fraglos-selbstverständlich gelebte Leben des Volkes durch eine Forderung durchbrach und damit das Volk aus seiner Verstrickung in die Natur befreite, erfüllte Israel in der Welt häufig die Aufgabe, mythisch-naturhafte Bindungen zu sprengen, um in der Tageshelle eines geläuterten Monotheismus zu leben.1) Dies geschah beispielsweise durch das Gericht der. Propheten oder durch die Lösung des Volkes von seiner Bodenständigkeit, die es so, trotz aller „Heimat", im Galulh nie wiedergewonnen hat. Ebenso weist der MessianLsmus das Volk ständig über den Augenblick hinaus in eine Zukunft der Erlösung. — Diesen jüdischen Geschichtserfahrungen und Ideen ordnet sich der Rationalismus zu, das Vertrauen auf. den erkennenden Geist als ein göttliches Geschenk zur Wegweisung in der Endlichkeit. Die Talmudisten, Maimonides, die Führer der Haskala, Mendelssohn, die gescllschaftskritisch-fortscliritlHclien Gruppen der Juden im 19. Jahrhundert, Hermann Cohen: dies sind Träger eines Rationalismus im Judentum, der freilich jeweils zeitlich bestimmt und gebunden ist Im Bewußtsein soicher Vergangenheit hat die jüdische Erziehung heute wie je die Aufgabe, den Sprung von einer rational weitgehend beherrschten Welt in eine Unmittelbarkeit des Seins aLs unvollziehbar zu enthüllen. ,Die Riesenspanne zwischen später Zivilisation und einer gesellschaftlich, wirtschaftlich und religiös einfach geordneten Frühkultur, wie sie heute Ideal ist, muß der Unterricht durch den geschichtlichen Stoff grundsätzlich zum Bewußtsein bringen. Rationale Erziehung war bisher ein selbstverständliches Element der Gesamterziehung, wie Ratio ein Element des Menschen überhaupt ist. Heute., da man überall vor wissenschaftlicher Objektivität als einem Abweg der Erziehung ~ i) Für manche dieser Gedanken bin ich Paul Till ich dankbar verpflichtet. 209