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Der Morgen · 1933-08-01 · Heft 3 (August 1933) · p. 206

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Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 3 (August 1933)
Article
Zur Problematik der deutschen jüdischen Jugend
Date
1933-08-01
Page
206 (sequence 4)
Language
German
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IRI
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Hermann Vogelstein Die schulentlassene wie die erwachsene Schuljugend der höheren Lehranstalten war bisher weitgehend bündisch organisiert und hat eifersüchtig über ihre Selbständigkeit gewacht- Die Ereignisse haben die Dinge gewandelt Haben die Gemeinden bisher die selbständige jüdische Arbeit der Bünde wohlwollend und kritisch beobachtet und gefördert, so müssen sie jetzt die Erziehungsarbeit selbst übernehmen, Kurse und Arbeitsgemeinschaften für die Jugendlichen einrichten, zu deren Leitung nach Möglichkeit auch Jugendliche heranzuziehen sind. Der in mancher Hinsicht ungünstige Umstand, daß es sich überwiegend um Stadtjugend, ja Großstadtjugend handelt, erleichtert den organisatorischen Aufbau. Wichtiger aber ist der geistige Aufbau- Von größter Bedeutung ist die Geschichte. Die Jugend muß dazu geführt werden, die Einzeitatsachen im Ablauf der geschichtlichen Entwicklung zu verstehen, die Kurse müssen auf geschichtliches Sehen abgestellt sein. Geschichtliches Sehen schützt vor Illusion wie vor Verzagtheit, vor haltlosem Hin- und Herschwanken wie vor bedenkenlosem Einschwenken in die jeweils geltende Geistesrichtung, gibt vielmehr Stetigkeit der eignen Anschauung inmitten wechselnder Ereignisse, lehrt Treue in der Wandelbarkeit und -Wandelbarkeit in Treue, weil sie aus der Folge sinnlosen Einzelgeschehens sinnvolle Geschichte erkennen lehrt. Der Sinn nicht nur des jüdischen Schicksals sondern der jüdischen Geschichte, der prophetische Begriff des Gottes der Geschichte muß sich ungezwungen daraus ergeben. Von hier aus erwächst die Verbindung mit spezifisch religiösem Gedanken- und Lehrgehalt, das Verständnis für Tradition, die nach einem schönen Worte Bubers ,.edelste Freiheit ist dem Geschlechte, das sie hell und sinnvoll lebt", die Geiger ,.die ebenbürtige Tochter der Offenbarung" nennt Ohne ungesunde Romantik wie ohne lehrhafte theoretische und systematische Erörterung werden Symbol und Brauch und die Ewigkeitswerte des Judentums aus geschiehthehem Sehen der Jugend verständlich- Eigene Erfahrungen dieser letzten Monate mit geschichtlichen Lehrvorträgen in der Synagoge bei reger Beteiligung von Erwachsenen und Jugendlichen bestätigen mir diese Erwägungen. Ein wirklich fruchtbarer Ertrag ist freilich nicht von Vorträgen vor hunderten von Zuhörern, sondern nur vor wirklichen Arbeitsgemeinschaften zu erwarten. Solche Einstellung führt ganz unvermerkt zu den Quellen und ihrer Kenntnis in der hebräischen Ursprache, die so von selbst Gegenstand der jüdischen Jugendarbeit wird. Geschichtliches Sehen lehrt die Wechselbeziehungen, freundliche und feindliche, des Judentums zu 206

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