Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 3 (August 1933)
- Article
- Zur Problematik der deutschen jüdischen Jugend
- Date
- 1933-08-01
- Page
- 207 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Problematik der deutschen jüdischen Jugend den Kulturen der Umwelt verstehen und nimmt leeren oder leer gewordenen Schlagworten wie Assimilation ihre Kraft Jenes Nachäffen, wie es in hellenistischer Zeit vor der h^smonäischen Erhebung im Judentum, wie es im Deutschland der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts in der Gallomanie zu finden war, jenes Mitläufertum, das, die eigenen Werte verachtend, sich selbst preisgibt, indem es dem andern abguckt, „wie er sich räuspert und wie er spuckt", wird aus geschichtlichem Sehen ebenso abgelehnt wie die Abkehr von der deutschen Gegenwart. Gerade die jüdische Geschichte lehrt vielmehr Selbstbehauptung in lebendigem Zusammenhang mit jeweiliger Gegenwartskultur. Von besonderer Bedeutung ist die Geschichte der. deutschen Juden in ihrem Auf und Ab, in der selbst in den düstersten Zeiten niemals ganz zerrissenen Verbindung mit deutschem Wesen. Das Judentum muß in seiner Totalität im Längsschnitt der geschichtlichen Entwicklung und im Querschnitt der Gegenwartserscheinungen der Jugend dargestellt werden. Es gibt ein sehr feines Wort Jakob Wassermanns über die Geschichte: „Wissen, was gewesen ist, und erkennen, was ist, das macht prophetisch. Denn die Geschichte ist ein Weiterzeugendes, und die Pflicht des gegenwärtigen Augenblicks nimmt den Jahrhunderlen die Verantwortung von den Schultern." Der Begriff der Totalität, den die jüngste Zeit in den Vordergrund gerückt hat, ist tief im jüdischen Geistesleben verwurzelt. Nur ist die Forderung nach einer andern Richtung gewendet. Als Verheißung ist bei Jeremia, als Bitte in den Psalmen und von dort entnommen im täglichen .Morgengebet wie in den Gebeten am Versöhnungstage ausgesprochen: die Einheit des Herzens, d. h. die Totalität der Persönlichkeit, die sich in der Gemeinschaft vollendet. Die scheinbare Diskrepanz von Individuum und Gemeinschaft, von Freiheit und Autorität, von Demokratie und Führerluni muß zu der Spannung zurückgeführt werden, auf der die Dynamik alles Lebens beruht. Diese concordia discors, diese Harmonie, d. h. nicht Einklang, sondern Zusammenklang ist jüdische Lebensanschauung, die unsre Jugend wiedergewinnen muß. Wie viel die vergangene Zeit in dieser Hinsicht hat vermissen lassen, wie viel die harte Gegenwart hier zu zerreißen droht, bedarf keiner Ausführung. In freiwilliger Disziplin, in Selbstzucht und Selbsterziehung muß die deutsche jüdische Jugend in harmonischer Ausbildung von Körper und Geist ihren Charakter bilden, ihr Judentum und ihr Deutschtum immer wieder neu gewinnen. 207