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Der Morgen · 1933-08-01 · Heft 3 (August 1933) · p. 204

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Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 3 (August 1933)
Article
Zur Problematik der deutschen jüdischen Jugend
Date
1933-08-01
Page
204 (sequence 2)
Language
German
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Hermann Vogelstein nahezu ein Drittel in Großstädten lebt, und stärker ist der Zug zur Großstadt im deutschen Judentum zu beobachten. Das Anschwellen der Großgemeinden und die Verödung der kleinen Gemeinden hat neben unleugbaren Vorzügen große Mängel gezeitigt. In der Kleinstadt- und Landjugend ist der Drang nach der Großstadt und das Verlangen nach gleichem Lebensstil herrschend gewesen. Das Bildungsideal des Großstädters wies — bei den deutschen Juden in noch stärkerem Maße als bei der Gesamtbevölkerung — eine Überwertung der verstandesmäßigen Ausbildung, des Wissens auf. Diese Tendenz, die durch das Berechtigungswesen der Nachkriegszeit noch verstärkt wurde, hat einerseits zu einem falschen Bildungsstolz und einer Scheinbildung, andrerseits zu einer Unterschätzung der nichtrationalen Elemente und der körperlichen Arbeit geführt; beides eigentlich unjüdisch. Die Gelehrten der talmudischen Zeit waren großenteils Handwerker oder Landleute, und selbst das Ghetto hatte die Vereinbarkeit geistiger Arbeit mit praktischer Berufs^ tätigkeit festgehalten, freilich das Ansehen des Geistigen gesteigert Die Jugendbewegung hat die körperliche Ausbildung durch Wandern und Sport daneben gestellt, hat dem Scheinwesen der Hyperzivilisation die Echtheit und Einfachheit entgegengesetzt. Daß es auch hier Überschwang und Mängel gab, sei nur angedeutet. Unter dem harten äußeren Druck beginnt unsre Jugend sich rasch für ihre berufliche Ausbildung auf körperliche Arbeit umzustellen. Es ist zu hoffen, daß sie dabei geistig bleibt und nicht banausenhaft wird. Die Jugendbewegung trug einen der Lebensanschauung der älteren Generation gegensätzlichen, fast revolutionären Charakter, die Einstellung zu vielen Lebensfragen, ganz besonders zu den Problemen des jüdischen Lebens, war eine andre. Die zunehmende Politisierung und deren Schemalisierung auch im jüdischen Gemeindeleben wirkte sich, verbindend und trennend, innerhall) der jüdischen Jugend stärker aus, weil hier die Wellenschläge der Massenbewegung der allgemeinen deutschen Jugend in einem zahlenmäßig eng begrenzten Kreise brandeten. Die Kontinuität schien unterbrochen zu sein, Schlagworte erschwerten auf beiden Seiten Verständnis und Verständigung, weil sie eine Versteifung vorgefaßter Meinungen bewirkten. Der Selbständigkeitsdrang der Jugend und das Führerprinzip der Jugendbewegung lehnte jede Leitung durch die ältere Generation als Bevormundung ab, das Autoritätsbewußtsein und die Lebenserfahrung der Älteren sah darin oft nichts als überheblichen Widerspruchsgeist Es fehlte — die Ausnahmen bestätigen nur die Regel — das Bewußtsein, daß in aller Erziehungsarbeit die beiden 204

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