Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 3 (August 1933)
- Article
- Zur Problematik der deutschen jüdischen Jugend
- Date
- 1933-08-01
- Page
- 203 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Problematik der deutschen jüdischen Jugend Von Hermann Vogelstein Über das deutsche Judentum ist eine Krisis hereingebrochen, die es wirtschaftlich und rechtlich aus der Bahn geschleudert hat und kulturell aufs höchste gefährdet. Unter den zahlreichen vielfach verschlungenen Problemen, vor die es gestellt ist, erfordert das Problem der deutschen jüdischen Jugend sorgsamste Beachtung. Die folgenden Ausführungen wollen nur skizzenhaft andeutend — keineswegs erschöpfend — einige Gedanken zu diesem Fragenkomplex geben. Durch die nationale Revolution scheint in Deutschland die Überwindung der Ideen des 18. und 19. Jahrhunderts vollendet zu sein. Ruckschauend können wir die dogmatische Erstarrung, die einseitige Übersteigerung und, daraus resultierend, das Kraftloswerden dieser großen, einst herrschende:: Ideen und die Gegenwirkungen, die sie aus sich selbst erzeugten, beobachten. Mit dem letzten Viertel des Jahrhunderts beginnt der Abstieg. Den deutschen Juden hatte diese Ideenwelt Gleichberechtigung und kulturelle und wirtschaftliche Entfaltung gebracht. Sie haben das Anschwellen einer feindseligen Strömung, nicht aber die tiefere Ursache, die Wandlung der geistigen Grundhaltung erkannt. Um so tiefer mußte der Sturz sein. Daher weit verbreitete Hoffnungslosigkeit, die vielfach zu der Illusion einer Massenauswanderung oder zu dem Ressentiment gegenüber der Gegenwart führt. Aber kaum etwas ist gefährlicher als Illusion und Ressentiment. Die Auswanderung einer halben Million deutscher Juden ist, selbst wenn wir sie wollten, eine Unmöglichkeit, weil infolge der Weltwirtschaftskrise kein Land für Masseneinwanderung aufnahmefähig ist. Abkehr von der deutschen Gegenwart müßte uns und noch melir unsre Jugend wirklichkeitsfremd und damit völlig widerstandsunfähig machen. Die vor mehr als 100 Jahren plötzlich aus dem Ghetto befreiten Juden haben die eigenartige berufliche und soziale Schichtung, die durch das Ghetto bedingt war, teilweise bewahrt, und die Wirtschafts- und Verkehrsverhältnisse haben in Wechselbeziehung von Ursache und Wirkung die Entwicklung beeinflußt Früher als bei der Gesamtbevölkerung Deutschlands, von der jetzt 203 14*