Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 3 (August 1933)
- Article
- Die jüdische Schule
- Date
- 1933-08-01
- Page
- 193 (sequence 2)
- Language
- German
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Jakob Horovitz Die jüdische Schule sie dennoch alle zügelt, in Reih und Glied stellt und zum Kollektiv zusammenfaßt. Unter „Chinuch" aber hat man im Judentum niemals die Praxis des Ger setzes allein begriffen. Wie könnte denn auch Gesetz und Lehre erfüllt werden, solange man sie nicht kennt! So war denn seit alten Zeiten ein wesentlicher Teil der Erziehung „das Lernen". Es ist denkwürdig, daß alle Grundschriflen des Judentums letztlich Lehre, Lernen, und nichts anderes bedeuten. Das gilt ebenso von der Thora wie von den Grunxlschriften der sogenannten mündlichen Lehre: Mischna und Gemara bedeuten das Gleiche, und Talmud, die beide zusammenschließende Bezeichnung, bedeutet gleichfalls dem sprachlichen Sinne' nach nichts anderes. Dieser Tatbestand wird dadurch noch bedeutungsvoller, daß alle diese vier Ausdrücke aus vier vollkommen verschiedenen Sprachstämmen abgeleitet sind. Es dürfte keine Gemeinschaft geben, bei der all das, was Religion heißt, so wenig es in ihm aufgeht und in ihm aufzugehen vermag, doch so untrennbar mit dem Begriff des Lernens und der Lehre verbunden ist. Hat so die jüdische Religion von Hause aus dem Juden einen Lerntrieb eingepflanzt, wie wir ihn sonst in dieser Ausbreitung und Allgemeinheit kaum finden, so hat das neben großen Vorzügen dem emanzipierten Juden der Neuzeit auch viele Nachteile gebracht Und das um so melir, als sich dieser Lerntrieb vielfach und zumeist nicht nur losgelöst hat aus der engen Verbindung mit der Religion, in die ihn das Judentum hineingestellt hat, sondern auch aus der engen Verbundenheit mit der körperlichen Arbeit, mit Handwerk und Landwirtschaft, mit der er von Hause aus im Judentum unlöslich zusammengewachsen war. Der deutsche Jude, der fast durchweg Städler geworden war, war zugleich auch fast ohne Ausnahme ausschließlich Intellektueller, Akademiker oder Kaufmann geworden. Der Blutzustrom vom Lande hatte schon fast aufgehört, nachdem nur noch ganz kleine Reste des deutschen Judentums in den kleinen Städten und Dörfern verblieben waren. Die Gioßstadt aber hat wie keinen andern den Juden nivelliert. Wenn auch das religiöse Leben in den großen Städten mächtige Mittelpunkte gefunden hat, so haben diese Mittelpunkte immerhin einen vergleichsweise nur kleinen Teil der in Betracht kommenden Kreise erfaßt. Alle Einsichtigen haben seit Jahrzehnten eine Umschichtung der jüdischen Jugend Deutschlands als dringende Notwendigkeit erkannt. Die Stimmen haben sich in den letzten Jahren vielfach gemehrt. Und wenngleich sie mannigfache Beachtung gefunden haben, so wäre ihnen ohne Zweifel 193