Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 3 (August 1933)
- Article
- Ende der Emanzipation?
- Date
- 1933-08-01
- Page
- 175 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Ende der Emanzipation? tungs- und Zweck frage. In der Judenfrage hat der Staat gegen uns entschieden. Tatsächlich ist die von uns Juden stets mit Erbitterung zurückgewiesene These in gewissem Sinne Wirklichkeit geworden: Wir bilden formaliter wider unseren Willen einen „Staat im Staate", da wir die einzige Gruppe sind, der vom Staate eine Sonderstellung nicht nur eingeräumt sondern geradezu aufgezwungen wird. Mit anderen Worten: Der totale Staat büßt sein Rassendogma mit einer Nicht-Totalität. Freilich, diese Einbuße ist zahlenmäßig nicht bedeutungsvoll genug, um sich vorerst zu einer Störung auswirken zu können. Indessen, da der totale Staat jede Opposition als grobe Unzulässigkeit, wenn nicht gar Staatsfeindlichkeit auffaßt und daher planmäßig bemüht ist, alle Widerstände zu beseitigen, kann nicht daran gezweifelt werden, daß auch die Judenfrage noch einer endgültigen Klärung bedarf. Die Lösungsvorschläge sind dabei so zahlreich wie die Lösung selbst unbestimmt. Der radikalen Forderung nach Aussiedlung auf nichtjüdischer Seite entspricht auf jüdischer Seite das Paläslinaproblem, das letzthin besonders stark in den Vordergrund gerückt ist Vom ideellen Standpunkt aus gesehen, ist Zionismus heute weder Verdienst mehr noch Bekenntnis. Den ehrlichen Gegner des Zionismus erfüllt es fast mit Bedauern, feststellen zu müssen, daß hier ein großes idealistisches Gebäude zu einer Art Vcrsorgungsanstalt umgebaut wird. Ein weiterer Vorschlag ist die zeitweise so beliebte These von deutschjüdischer Konzentration, sprich: nationale Minderheit. Ganz abgesehen von; der Fragwürdigkeit ihrer politischen Verwirklichung, bedeutet sie einen freiwilligen Verzicht auf nationale Zugehörigkeit und damit auf unsere stärkste Waffe in den Augen des offiziellen Deutschlands: unser Glaubensbekenntnis zum Deutschtum. Allen diesen Bestrebungen gegenüber gilt heute stärker als je die Nathansche These, daß die deutsche Judenfrage nur in Deutschland, d. h. innerhalb des deutschen Volkes, nicht aber a b s e i t s, sei es innerhalb oder außerhalb Deutschlands, gelöst werden könne. Möglich ist es unstreitig, daß ein gewisser Prozentsalz deutscher Juden im Ausland unterkommt. Aber auch das ist und bleibt eine Teillösung. (Realpolitisch gesehen ist die Judenfrage nämlich auch eine Frage der Bevölkerungspolitik. Wahrscheinlich wäre sie niemals in der Schärfe akut geworden, wenn Deutschland noch Kolonialbesitz hätte.) Undenkbar ist es aber, daß in einer Zeit der Arbeitslosigkeit, bzw. der Arbeitsmarktsperre in fast der ganzen Weit und des Kolonien- X15