Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 3 (August 1933)
- Article
- Ende der Emanzipation?
- Date
- 1933-08-01
- Page
- 174 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Heinz Kellerxnann Viele sind daran zerbrochen, und nicht die Schlechtesten waren unter ihnen. Aber darin hat sie doch ihr Gutes, daß sie allen Juden plötzlich das Wissen um sich selber vermittelte, daß sie das Schicksalserlebnis zum Geschichtserlebnis werden ließ. Seit langer Zeit macht das Judentum einen Prozeß durch, der sich einmal in breiterer, einmal in gedrängterer Folge, aber in steter Beharrlichkeit zwischen den beiden Polen Emanzipation und Gliettoisierung, d. h. einem Zustand annähernder rechtlicher, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Saturiertheit und einem Zustand rechtlicher, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Expropriation, abspielt. Wenn wir uns nur mit Ernst und Gewissenhaftigkeit in das Studium der jüdischen Geschichte vertiefen, so wird für uns kein geschichtliches Geschehen mehr das Gesicht der Erstmaligkeit oder Einmaligkeit tragen, sondern mit der Einsicht und der Erfahrung unseres mehrtausendjährigen Alters werden wir dem Schicksal unserer Gemeinschaft nur neue Variationen über das gleiche Thema abzugewinnen vermögen. Heute ist Antisemitismus Staatsauffassung und Wirtschaftsprogramm, gesellschaftliche Moral und Bildungsideal. Der Staat erklärt es in der Sprache des Gesetzes und in der Form behördlicher Verfügungen und wirtschaftlicher Verordnungen. Er versagt das von Hardenberg geschaffene Kardinalgeselz der Emanzipation: Gleiche Bcchte. gleiche Pflichten. Nach der Ansicht eines seiner berufensten Deuter ist .»Gleichberechtigung der große moralische Betrug mit dem man die Welt in Unordnung gebracht hat". (Wilhelm Stapel, „Aphoristisches zur Judenfrage".) Unsere äußere Emanzipation, verstanden als rechtliche, wirtschaftliche und gesellschaftliche Gleichberechtigung, ist zu Ende. Man hat das mit eine*' Klarheit ausgesprochen, die jeden Zweifel ausschließt. Nicht in Frage gestellt sein kann aber unser inneres Verhältnis zum Deutschtum. Diese innere Emanzipation, wie ich sie einmal nennen möchte, die sich darstellt als Kullurempfinden und Heimatgefühl, als Charakter, Schicksal und Bekenntnis, um mich der Terminologie eines dem Lager der nationalen Revolution sehr Nahestehenden zu bedienen, bleibt unser Eigentum gleichgüllig. ob uns die offizielle Bestätigung in Gestalt des Bürgerrechts erteilt oder versagt wird, und sie wird es bleiben. Die Frage des Deutschtums wird nuc vom Einzelnen und seiner Stellung zur Gesamtheit entschieden. Sie ist eine Wert- und Gewissensfrage. Die Frage der Staatsbürgerschaft wird vom Staate und seiner Stellung zum Einzelnen entschieden. Sie ist eine Wer- 174