Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 3 (August 1933)
- Article
- Ende der Emanzipation?
- Date
- 1933-08-01
- Page
- 177 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2895450-2895515-2895519-2903087--06454-2903149- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Ende der Emanzipation? Wahrhaftigkeit eines Mendelssohn, von dem glühenden Eifer der Berrs und dem bewußten Judentum und starken Patriotismus eines Gabriel Rießer. In diesen Tagen hat sich die deutsch-jüdische Jugend mit einer überraschenden Kraft erneut zu der Synthese Deutschtum und Judentum bekannt: das Deutschtum sich zu erhalten und das Judentum sich zu erwerben. Möge sie dabei von der beglückenden Erkenntnis geleitet sein, damit ihre Arbeit in den Dienst zweier Erscheinungen gestellt zu haben, die sich in ihren Niederungen vielleicht fremd, auf der klassischen Höhe ihrer Idealweiie und Idealgestalten zutiefst verbunden sind. So kann uns der Geist des Deutschtums nie verloren gehen, solange v»ir bewußte Juden sind. Das aber müssen wir zu werden versuchen, und nicht nur ein Gebot der Not, sondern der Ehrlichkeit ist es, sich mit den Quellen des Judentums vertraut zu machen. Vom Schicksal zur Gemeinschaft gestempelt wäre es Zeichen schändlicher Trägheil und armseligen Sinnes, dem Schicksal nun auch die Gestaltung dieser Gemeinschaft zu überlassen. Jetzt muß es sich beweisen, ob unsere Lehre Leben bedeutet. Stets hat man uns die Schemenhaftigkeit unserer religiösen Wahrheiten zum Vorwurf gemacht, heute gerade, wo sie sich in ihrer Umkehrung offenbaren, zeigt es sich, welch bluivolle Wirklichkeit sie zu besitzen vermögen. Wenn wir unser Schicksal nicht nur als persönliches Erlebnis sondern als soziales Beispiel betrachten, dann meine ich bleibt der Kampf um unser Recht nicht mehr ein Kampf aus Selbsterhaltungstrieb sondern aus religiöser Überzeugung, ein Kampf für das Recht schlechthin. Das ist die Erkenntnis, die wir Jungen aus unserem Geschick gewinnen müssen, weil es das Wissen vom wahren Judentum ist. Das zu lernen ist unsere größte Aufgabe: wir wollen, daß das Maß unseres Judeseins sich nicht nach der Stärke der Gegnerschaft bestimmt sondern nach der Kraft unserer religiösen Überzeugung, nicht nach dem Druck äußeren Zwanges sondern nach dem Bewußtsein unserer inneren Freiheit Dann — und nur dann — ist jüdische Geschichte nicht Geschichte der Verfolgungen, sondern Geschichte der großen Männer und der großen Werke. 177