Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 3 (August 1933)
- Article
- Geh aus und lerne!
- Date
- 1933-08-01
- Page
- 158 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Hanns Reißner wir uns vor dem Unwetter nicht in noch stickigere Keller. Es wird uns auch dort erreichen. Wir waren weder Gläubige noch Ungläubige, sondern Glaube und Unglaube geschahen uns. Seien wir bereit und erkennen wir im Alltäglichen des Kampfes um die bloße Existenz das Cberalltägliche der ewigen Wiederkehr. Wir sind nicht vereinzelte Individuen, denen unbegreifliches Unrecht angetan wird, sondern wir sind aufgerufen, im Verharren, die Wirklichkeit unserer Gottesgemeinschaft zu bezeugen. Wir sind noch nicht Gläubige; denn wir wissen noch nicht Wir sind aber auch nicht mehr reine Ungläubige; denn wir spüren dumpf, daß tief in uns ein geistiges Erbe verschüttet sein muß. Wieviel auswegloser erscheint, verglichen mit unserem Geschick, dasjenige einer anderen Gruppe in Deutschland: der nichtarischen Christen. Der neue Staat kann sie ebensowenig als Volksgenossen anerkennen, wie wir, deren Bekenntnis ihnen fremd ist, ihnen Heimat zu bieten vermögen. Aber für uns können wir eine neue geistige Existenzgrundlage finden, die alte, die nur uns oder unseren letzten Vätern verloren gegangen war. Der deutsch-wcltbürgerliche Humanismus ist abgelöst durch den christlich-völkischen Totalitätsanspruch. Bekennen wir uns zum Bildungsideal eines jüdischen Humanismus. Ein solcher jüdischer Humanismus ist allerdings nicht etwa durch zwei wöchentliche Religionsstunden im Schulunterricht der Jugend zu erfassen, so wenig er durch geistige Inzucht befördert werden kann. Auch machen weder Begriff noch Inhalt dieser Forderung Anspruch darauf, ein zufälliges Schlagwort zur geistigen Krisenübenvi;. :img zu sein, dessen Befolgung in ein neues Ghetto führen müßte. Soviel wir wissen, tauchte die Idee eines jüdischen Humanismus in Deutschland zum erstenmal nach dem Kriege in einem Kreise jüdischer Gymnasiasten und Akademiker auf, die aus der deutschen Wandervogelbewegung ausgeschlossen, sich untereinander zusammengetan hatten. Piaton, Shakespeare, Goethe, Hölderlin und Stefan George waren ihre Führer in einer durch Krieg und Umsturz venvirrten geistigen Welt. „So mußt dm sein, dir kannst du nicht entfliehn" lasen sie bei Goethe. ,;Wer je die Flammei imischritt, bleibe der Flamme Trabant" und „fehlt ihm der Mitte Gesetz, irrt er zerstiebend ins All" hieß es bei Stefan George. An diesen deutschen Geistern erlebten sie — ihr Judesein. Martin Buber sprach sie vom jüdischen Ufer aus an: seid die „Herren der Wahl" zwischen außen und innen. Buber und Franz Bosenzweig, jeder für sich und beide gemeinsam, erschlossen ihnen in Arbeits- 158