Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 3 (August 1933)
- Article
- Geh aus und lerne!
- Date
- 1933-08-01
- Page
- 157 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Hanns Reißner: „Geh au« und lerne I" regen müssen? Aber noch sind wir wie ein Haufe, der mitten im Aiisturm der andern sich formieren soll. Wo ist unsere geistige Front? Welches ist die; Marschrichtung, die nun schon im Feuer abzustecken ist? Verhehlen wir es uns nicht: der Gott, den zu erleben wir noch fähig waren, war vielleicht die dunkle Schicksalsmacht, die die Gewalt hatte, nächste Angehörige zu sich zu versammeln, — aber nicht der Gott, dem wir alltäglich Rechenschaft schulden. Gott war uns zu einem Dogma verblaßt, nicht die Urwirklichkeit, in die wir eingebettet sind. Und jetzt greift die Urgewalt in unser Leben ein: unser Gott, der Gott unsrer Väter! Dürfen wir uns ihm entziehen, wie einzelne schon taten, die dies Leben von sich warfen, weil es ihnen unerträgliche Aussichtslosigkeit scheint? Diese Flucht ins Nichts im Vollgefühl eigener Gottesgewißheit überheblich zu verurteilen sei uns gleich fern. Und doch wird da nur eine Leere sichtbar, die schon vorher bestanden haben muß, vielleicht eben verdeckt durch gestillte äußere Bedürfnisse. So wenden wir uns an die, die — nach einem Wort von Franz Rosenzweig — weder Gläubige, noch Ungläubige sind, die nicht Glauben oder Unglauben haben, sondern denen Glaube und Unglaube geschehen. Der Fluch der Moderne — und ihn will auch der Nationalsozialismus in Deutschland überwinden — hat Menschenmassen in steinernen Riesenstädten zusammengeballt. Je mehr ihrer darin an Zahl wurde, desto einsamer wurde der Einzelne» Aller wurzelhaften geistigen und natürlichen Bindung bar, nur auf die eigene Erhaltung bedacht, gleichgültig ob Prolet oder Intellektueller, auf dauernder Wanderschaft von einem Haufen zum andern, das waren hervorstechende Kennzeichen des Großstädters. Und wir Juden in Deutschland wurden immer einseitiger Großstädter. Statistiker zeigten an uns die Folgen der Verstädterung in ziemlicher Reinkultur auf: einseitige Berufsschichlung, Geburtenstreik, Disposition zu geistigen Krankheiten, hohe Selbstmordziffer, Vergreisung. Doch dabei hatte es nicht sein Bewenden. Der Wettbewerb der Großstadt erzeugt gerade bei schwächeren Individuen zwangsläufig eine artistische Hochzüchtung im marktschreierischen Anpreisen der eigenen Kenntnisse und Fähigkeiten. Wie leicht wird daraus Betrieb nur um des Betriebes willen 1 In dieses sinnlose Gewimmel ist der Blitz gefahren. Verstehen wir, daß — unbeschadet zunächst der Art, wie das Gewitter uns als einzelne Juden trifft — die schwüle Luft, die über den Großstädten lagerte, von einem Reinigungssturm wieder in Bewegung gebracht werden mußte. Aber verkriechen 157