Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1933)
- Article
- Henri Bergsons Ethik und Religionsphilosophie
- Date
- 1933-06-01
- Page
- 150 (sequence 13)
- Language
- German
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Ernst Casstrer zwischen beiden keineswegs ein so prinzipieller Gegensalz besteht, als es der radikale Gegensalz zwischen der Kantischcn und Bergsonschcn Erkenntnislehre vermuten ließ, und als er es zu fordern scheint. Denn Bcrgsons Ethik hat, auf dem Boden des Naturalismus, auf dem Boder. der reinen Lebenslehre, dieselbe Forderung zur Geltung gebracht, die Kant seinerseits vom Standpunkt des transccndentalen und des ethischen Idealismus verfocht. Auch er sieht sich jetzt zu einem Hinausgehen, zu einem Schritt über die Natur genötigt — sofern die Natur, als natura natu rata, immer nur den Kreis des Gegebenen, des cmpirisch-Vcrwirklichten, nicht das Gebiet des durch Freiheit Möglichen und durch sie zu Verwirklichenden umfaßt. Auf dieses Mögliche, auf ein stets von neuem zu Erzeugendes, das sich niemals in die Grenzen des schon Vorhandenen, des cinfach-Seiendcn oder Gewesenen, ein fangen läßt, geht nach Bergson alles wahrhaft ethische oder religiöse Bewußtsein. Es folgt nicht einfach dem Zwang des Gegebenen und seiner Bedingtheil, es verfährt niemals bloß-h\polhetisch, sondern es isl .seinem Wesen nach kategorisch. „Die Gründer und Erneuerer der Religionen, die Mystiker und Heiligen, wie jene im Dunkel bleibenden Helden des sittlichen Lebens, denen wir auf unserm Wege begegnen, und die in unseren Augen den Grüßten gleichkommen: sie alle sind wahrhafte Eroberer. Sie haben den Widerstand der Natur gebrochen und die Menschheit zu neuen Bestimmungen emporgehoben. Hören wir ihre Stimme: sie spricht nur. in der Form bestimmter Vorstellungen, die Erregung einer Seele aus, die sich öffnet, und die hierbei mit der Natur bricht -- mit der Natur, die dio Seele in sieh selbst und in die Gesellschaft, in den Staat einschloß." Aus alledem ergibt sich freilich, welch weiter Abstand, welch unaufheblicher I'nterschied zwischen jener ethischen „Transcendenz" besteht, die mitten in der Leben-philosophic Bcrgsons aufbricht und die in der Gestaltung seiner Ethik zur systematischen Anerkennung gelangt — und jener anderen „Transcendenz", die Pia ton von der Idee des Guten aussagt, wenn er sie zu einem; „Jenseit des Seins" macht. Die Kluft, die hier besteht, hat Bergsons Ethik nicht zu überbrücken, geschweige zu schließen vermocht. Denn Bergson geht an dem radikalen l'rproblcm der Ethik, am Problem der Pflicht, vorbei. Nicht als ob er dieses Problem nicht sähe, als ob er im Aufbau seiner Ethik auf den Pflichtbegriff Verzicht leisten könnte oder wollte. Er versagt ihm keineswegs die Anerkennung, aber er versagt ihm die eigentliche, die systematisch-philosophische Legitimierung. Denn alle Pflicht bleibt nach ihm im Kreise des natürlichen Daseins gebunden, bleibt auf jene 150