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Der Morgen · 1933-06-01 · Heft 2 (Juni 1933) · p. 149

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Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 2 (Juni 1933)
Article
Henri Bergsons Ethik und Religionsphilosophie
Date
1933-06-01
Page
149 (sequence 12)
Language
German
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Henri Bergsons Ethik und Reh'gionsphtlosophie als eine bloße Funktion der Grenzsetzung zu betrachten, die eben darum der Unendliclikeit. der unbegrenzten Fülle des Lebens nicht gewachsen sei. Aber damit ist eben jener neue Begriff der A'eruunft verkannt, der durch Kants „Revolution der Donkart" geschaffen worden ist, und der in der transcendentalen Dialektik Kants, nicht in der bloßen Analytik, seine reine Ausprägung erfahren hat. Wenn Kant den Verstand als das „Vermögen der Kegeln", als Vermögen des Begrenzens definiert, so definiert er die Vernunft als das Vermögen zum Unbegrenzten; wenn er jenem die Kraft des Beuiiigens zuspricht, so verwirklicht sich diese erst dort, wo sie ein „Unbedingtes" setzt und fordert. Und diese Setzung ist es, die für Kaut den Anfangspunkt und den Ursprung alles sittlichen und alles religiösen Bewußtseins bildet. Beide konstituieren sich nicht in Begriffen., sondern in Ideen; in Ideen, die nicht aus der empirischen Welt ableitbar, nicht bloße Abstraktionen aus ihr sind, sondern die prinzipiell über sie hinaus sind. Sie alle sind reine Begriffe von Aufgaben; es widerspricht ihrem Sinn und es vernichtet ihr Wesen, wenn man sie in Gegebenheiten verwandeln will. So sieben sich bei Kant Verstand und Vernunft wie Nachbild und Urbild gegenüber: so wird jenem die „copeyliche" Betrachtung, dieser die „architektonische"' Betrachtung als Wesenszug zugeschrieben. Und für die Möglichkeil einer solchen architektonischen Betrachtung wird in erster Linie auf die praktische Vernunft, auf die sittlichen Ideen, ver-i wiesen. „Plalo fand seine Ideen vorzüglich in allem, was praktisch ist, d. i. auf Freiheit beruht ... Wenn man das Übertriebene des Ausdrucks absondert, so ist der Geislesschwung des Philosophen, von der copeylichen Betrachtung des Physischen der Weltordnung zu der architektonischen Verknüpfung nach Zwecken, d. i. Ideen, hinaufzusteigen., eine Bemühung, die Achtung und Nachfolge verdient, in Ansehung desjenigen aber was die Prinzipien des Sittlichkeit, der Gesetzgebung und der Religion betrifft, wo die Ideen die Erfahrung selbst (des Guten) allererst möglich machen, obzwar niemals darin völlig ausgedrückt werden können, ein ganz eigentümliches Verdienst ... Denn im Betrachten der Natur gibt uns Erfahrung die Regel an die Hand und ist der Quell der Wahrheit; in Ansehung der sittlichen Gesetze aber ist Erfahrung (leider!) die Mutler des Scheins und es ist höchst verwerflich, die Gesetze über das, was ich tun soll, von demjenigen herzunehmen oder dadurch einschränken zu wollen, was getan wird/' Vergleicht man diese Grundanschauung mit der Auffassung, die Bergson im Aufbau seiner Ethik entwickelt und durchführt, so gewahrt man zu semer Überraschung, daß 149

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