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Der Morgen · 1933-06-01 · Heft 2 (Juni 1933) · p. 151

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Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 2 (Juni 1933)
Article
Henri Bergsons Ethik und Religionsphilosophie
Date
1933-06-01
Page
151 (sequence 14)
Language
German
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Henri Bergsons Etfcilt und RcHgionsphflosophie „Obligation naturelle" beschränkt, die Bergson nur als Druck und Stoß, als pression und poussee, nicht als Anspruch und Aufruf, als appel, deutet und wertet. Damit aber wird gerade der tiefste ideelle Sinn der Pflicht, wird das, was Kant ihre intelligible Bedeutung nennt, verkannt und verleugnet. Auch nach Bergson gibt es eine Erhebung über die rein-vitale Sphäre; aber diese Erhebung wird uns nicht in der Idee, in der kategorischen Forderung der Pflicht, sondern sie wird uns im Gefühl der Liebe zuteil. Die Grenzen einer reinen Gefühlscthik hat daher Bergson nicht überschritten, wenngleich er, schärfer und bestimmter als man es von seinem Vitalismus hätte vermuten können, die mystische, die übersinnliche Liebe von allen Formen des Instinkts und der bloß natürlichen Sympathie scheidet. In dieser Hinsicht ist es merkwürdig und denkwürdig, daß Bergsons Ethik am Schluß fast asketische Töne anschlägt; daß sie keineswegs in einer Steigerung des bloßen Lebens« willens und der Lebensgüter, sondern in der Beherrschung dieses Willens und in der Begrenzung dieser Güter, den eigentlichen Sinn des Lebens sieht. Auch die reine Liebesethik, die Bergson vertritt, auch das Ideal der „dynamischen Religion", das er verkündet, hat somit die systematischen Grenzen, die seiner Philosophie gezogen sind, nicht durchbrochen. Aber es ist und bleibt eine bedeutsame Tatsache, daß er, trotz allen Schranken, die seine vitalistische Metaphysik und seine vitalistischc Erkenntnislehre ihm auferlegten, den Weg zur Ethik gesucht und gesehen hat. Der Freiheilsbegriff des philosophischen Idealismus, der Freiheitsbegriff eines Kant oder Fichte, kann sich freilich mit dem der reinen Lebensphilosophie nicht begegnen, kann mit ihm, seinem philosophischen Sinn und seiner philosophischen Begründung nach, nicht konvergieren. Es bleibt nichtsdestoweniger ein eigentümliches und unverlierbares Verdienst der Bergsonschcn Ethik, daß sie, auf ihrem Wege und mit den durch das System gewiesenen Denkmilteln, einen neuen Vorstoß vom Bereich des Lebens in die Region der Freiheit gewagt hat. t5t

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