Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1933-06-01 · Heft 2 (Juni 1933) · p. 148

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 2 (Juni 1933)
Article
Henri Bergsons Ethik und Religionsphilosophie
Date
1933-06-01
Page
148 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2895450-2895515-2895518-2902998--06417-2903076
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Ernst Caasirer großen sittlichen Genien zum Leben erwecken, wenn wir sie sprechen hören und sie handeln sehen, fühlen wir, daß sie uns ihre Glut mitteilen und daß sie uns in ihre Bewegung hineinziehen; hier gibt es keinen Zwang, keine mehr oder weniger starke Bindung mehr; hier herrscht ein unwiderstehlicher Antrieb ... Der soziale Druck auf der einen Seite, der freie Liebesschwung auf der andern Seite: das sind die beiden sich ergänzenden Äußerungen des Lebens; der eine auf die normale Erhaltung jener Gemeinschaflsform gerichtet, die von Anfang an für die menschliche Gattung charakteristisch war, der andere im Stande, diese Art durch Ausnahmefälle umzugestalten, dank bestimmten Individuen, von denen jedes, als wäre es die Erscheinung einer neuen Art, eine eigene und selbständige Anstrengung der schöpferischen Entwicklung darstellt" (S.o6ff.). Auch auf Bergsons vielbcrufenen „Irrationalismus" fällt von hier aus ein neues und überraschendes Licht. Bergson hat diesem „Irrationalismus" auch im Aufbau seiner Ethik und seiner Religionsphilosophie keineswegs entsagt: die „Religion innerhalb der Grenzen der Humanität", die er verkündet, scheidet sich für ihn klar und bestimmt von jeglicher „Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft". Und doch muß hier, wo er auf dem Boden der „praktischen Vernunft" steht, seine Kritik eine andere Wendung nehmen, als dort, wo sie lediglich die Funktion der theoretischen Erkenntnis und der theoretischen „Intelligenz" betraf. Der Grundmangel dieser theoretischen Intelligenz bestand nach Bergson darin, daß sie immer nur die Ruhe, nicht die Bewegung zu denken vermag; daß sie das Werden auch dort, wo sie es zu denken sucht, in Sein, daß sie die Zeit, die reale Dauer, in den Raum verwandeln muß. So bleibt <ie notwendig ihrer Grundform nach am Gegebenen, am Festen, am Bedingten und am Endlichen haften. Aber selbst wenn man Bergson zugestehen wollte und müßte, daß hierin das Wesen des Verstandes treffend bezeichnet sei, daß c r jeder eigentlichen Schöpferkraft, jeder Spontaneität bar sei — so erhebt sich sofort die Grundfrage, um deren Entscheidung es geht, in neuer und in wesentlich schärferer Form, wenn man den Blick, statt auf den bloßen Verstand, auf die Vernunft richtet. Nimmt man diese „Vernunft" in ihrem ganzen Umfang, in ihrer wahrhaften Totalität, und weist man ihr den Sinn zu, den der klassische deutsche Idealismus, den Kant, den Fichte oder Hegel ihr gegeben haben, so wird sofort ersichtlich, daß dieser Sinn durch keines von Bergsons Argumenten getroffen wird. Denn alle diese Argumente gehen darauf hinaus, die Vernunft 148

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.