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Der Morgen · 1933-06-01 · Heft 2 (Juni 1933) · p. 147

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 2 (Juni 1933)
Article
Henri Bergsons Ethik und Religionsphilosophie
Date
1933-06-01
Page
147 (sequence 10)
Language
German
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Henri Bergsoos Ethik und RetigionsphüosopMa mus, der alle festgewordenen Unterschiede, alle starren Grenzen durchbricht Das echte, das eigentliche Leben fühlt und genießt sich nur in cliesem Übergang, der zu einem eigentlichen Überschwang der Vitalität wird: un debordement de vitalite, wie Bergson es nennt. Aus der Form der geschlossenen Seele und der geschlossenen Gesellschaft, aus dem bloßen Familien-, Stammes- und Nalionalgefühl kann ein derartiger Überschwang niemals erstehen; und aus ihr läßt er sich nicht begreiflich machen. „Diese Gesellschaften" — so erklärt Bergson — „zeigen als Gemeinschaften bewußter und intelligenter Wesen eine Wandelbarkeit, die sich in den tierischen, vom Instinkt beherrschten Gemeinschaften nicht findet; aber niemals geht dieser Wandel so weit, daß er uns dazu ermutigen könnte, uns zu dem Gedanken einer radikalen Umformung zu erheben. Die Menschheit, wie sie auf dieser Stufe der Entwicklung allein vorhanden ist, wie sie in festen sozialen Formen lebt, hätte sich niemals derart verändern können, daß eine einzige, alle Menschen umfassende Gemeinschaft als möglich erschienen wäre. Eine solche Gemeinschaft existiert hier noch nicht, und sie wird vielleicht niemals existieren. Indem sie dem Menschen die Form gab, die ihn dazu befähigte, ein Gruppenleben zu führen, hat die Natur vermutlich all das getan, was sie für die Gattung zu tun vermochte. Aber ebenso wie es geniale Naturen gibt, die dazu bestimmt sind, die Grenzen des Verstandes weiter hinaus zu rücken und denen es vergönnt ist, einzeln weit mehr zu leisten, als die Gattung als Ganzes jemals leisten könnte — so erlieben sich auch immer wieder bevorzugte Seelen, die sich, statt innerhalb der Grenzen der Gruppe zu bleiben und sich deren Solidarität, wie sie durch die Natur festgestellt ist, verhaftet zu fühlen, im freien Liebesschwung der Menschheit als Ganzem zuwenden. Die Erscheinung jeder derartigen Persönlichkeit ist wie die Schöpfung einer neuen Art, die aus einem einzigen Individuum besteht. Die Kraft des Lebens gelangt, bald hier, bald dort, in einem bestimmten Menschen zu einem Ergebnis, das für die gesamte Menschheit mit einem Schlage nicht erreichbar gewesen wäre. Jede derartige Verkörperung ist ein bestimmter Punkt, den das Leben in seiner Entwicklung erreicht; jede offenbart, in einer ursprünglichen, völlig eigenartigen Form, jene Liebe, in der sich das Wesen der Schöpferkraft selbst darstellt. Die schöpferische Leidenschaft, die diese privilegierten Seelen erfüllt, und die wie ein Überstrom des Lebens ist, greift über sie hinweg und verbreitet sich um sie; ihre eigene Begeisterung strahlt eine Begeisterung aus, die nie wieder völlig verloren geht und die sich stets aufs neue entzünden kann. Immer wenn wir im Gedanken diese 147 10'

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