Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1933)
- Article
- Henri Bergsons Ethik und Religionsphilosophie
- Date
- 1933-06-01
- Page
- 146 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Ernst Gas sirer stätigung gefunden. Weit bestimmter und unumwundener als zuvor vollzieht Bergson hier jene charakteristische Wendung, die Simmel „die Wendung zur Idee" genannt hat. Nach wie vor steht es freilich für Bergson fest, daß wir,, um Sittlichkeit und Religion in ihrem Prinzip und ihrem Wesen zu verstehen, nicht nach einem Sein jenseit des Lebens zu langen brauchen. Mitten im Leben brechen sie hervor; aber dieses ihr reines Innesein, diese ihre Immanenz besagt nicht, daß sie ihm schlechthin verhaftet bleiben. Nur in ihrer rein statischen Form zeigen Moral und Religion noch die unverkennbaren Züge dieser Verhaftung, dieser Gebundenheit in die Welt des unmittelbaren Bedürfnisses und der einfachen Gattungsinstinkte. Aber mit dem Übergang zur dynamischen Religion hat für den Menschen die Stunde der Befreiung geschlagen. Das Bewußtsein steht frei über dem Leben; es sieht seinen Anfang und sein Ende, seinen Ursprung und sein Ziel. Und in dieser doppelten Vision ist nun auch das menschliche Wissen erst ganz zu sich selbst gelangt, hat es seine Einheit mit der Xalur und seine Trennung von ihr vollzogen» Nur mittels dieser Trennung gelangt man nach Bergson zur höchsten Form der Moral, wie zur höchsten Form der Religion: „il faul ercuser la vie sociale eil taut que diseipline exigee par la nature, et creuser la nalure elle-meme en tant que creee par la vie en general" (S. 291). Um das Leben wahrhaft zu verstehen und zu ergründen, müssen wir liefer graben, als es selbst ist. Wrir brauchen nach Bergson nicht zu befürchten, daß wir mit diesem Tiefer-Graben die Fundamente, auf denen die empirische Gemeinschaft der Menschen ruht, daß wir die Grundlagen der sozialen Sittliclikeit verlieren und uns entschwinden sehen. Das relative Recht und die relative Notwendigkeit dieser Fundamente wird von ihm nirgends in Frage gestellt. Rergson vertritt eine durchaus individualistische Ethik und Religion, denn die eigentlichen sittlich-religiösen Impulse, die Kräfte, von denen alle dynamische Religion innerlich bewegt wird, können nach ihm immer nur von den großen Einzelnen, von privilegierten Individuen ausgehen. Aber was seinen Individualismus von demjenigen Nietzsches unterscheidet, ist, daß er kein Pathos der Distanz braucht und kennt Die Kraft des Individuums beweist sich nicht in der Steigerung seiner Machtfülle — nicht darin, daß es sich über andere erhebt, daß es sie von sich abrückt und sie beherrscht. Sie ist, als freie Liebeskraft, jedem bloßen Willen zur Macht und Übermacht entgegengerichtet. Sie will keine Schranken errichten, sondern auflachen; sie strömt auf alles Sein über und will alles Sein mit sich selber durchdringen. So wird Bergsons Individualismus zu einem reinen Universalb- 146