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Der Morgen · 1933-06-01 · Heft 2 (Juni 1933) · p. 145

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Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 2 (Juni 1933)
Article
Henri Bergsons Ethik und Religionsphilosophie
Date
1933-06-01
Page
145 (sequence 8)
Language
German
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Henri Bergsons Ethik und Rsligionsphflosopbia Lebenskraft, die ihrem innersten Wesen nach' Liebeskraft ist, zusammenklingen. In Bergsons Schilderung de.r Religion tönt es uns bisweilen entgegen wie in jenen Worten, die im zweiten Teil des Faust der „Pater profundus" spricht: „Wie Felsenabgrund mir zu Füßen Auf tiefem Abgrund lastend ruht, Wie tausend Bäche strahlend fließen, Zum grausen Sturz des Schaums der Flut, Wie strack mit eignem kräftigen Triebe Der Stamm sich in die Lüfte trägt, So ist es die allmächtige Liebe, Die alles bildet, alles hegt" Und mit der Gleichselzung, die sich hier vollzogen hat, scheint sich nun auch ein anderer Widerstreit zu lösen, scheint sich für Bergsons Lebenslehre ein neuer und weiterer Aspekt zu eröffnen. Denn man fühlt, daß jetzt die Schranke des bloßen „Biologismus" durchbrochen ist. Sobald Bc»gson, wie in. seinem letzten Werk, eine scharfe und klare Trennungslinie zwischen bloßnatüi lieber Bindung und der freien Religion und der freien Sittlichkeit zieht, sobald er erklärt, daß zwischen „Obligation naturelle" und „m orale complcte" kein steliger und gradweiser Übergang sich vollzieht, sondern daß beide sich ihrem Kern und Wesen nach voneinander unterscheiden, hat sich auch für ihn die Abkehr von jeder rein naturalistischen Form der Lebenslehre vollzögen. Jetzt tritt auch in seiner Philosophie klar und unverkennbar jenes Motiv heraus, das S i m m e 1 mit dem Ausdruck der „Transcendenz des Lobens" bezeichnet hat. Das Leben — so erläutert Simmel diesen Ausdruck — kann nur dadurch zu sich selbst gelangen und wahrhaft bei sich selbst sein, daß es zugleich ständig über sich hinauswächst und über sich hinweglangt. Dieser Akt des Aufbauens und des Durchbrechens seiner Schranken bildet den eigentlichen Charakter seiner Absolutheit. Sofern sich daher Leben überhaupt „definieren", sich durch einen Begriff bestimmen läßt, muß diese Bestimmung notwendig antithetisch sein. „Das Wesen des konkret-crfüllten Lebens ist (nicht etwas, was zu seinem Sein hinzukäme, sondern sein Sein ausmachend): daß ihm die Transcendenz immanent ist." l) Diese Erklärung hat in Bergsons Aufbau der Ethik und der Religionsphilosophic eine neue und merkwürdige Be- J) Simmel, Die Transcendenz des Lebens. (Lebvnsanschauuiig, Vier metaphysische Kapitel.) München u. Leipzig 1918. 10 145

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