Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1933)
- Article
- Henri Bergsons Ethik und Religionsphilosophie
- Date
- 1933-06-01
- Page
- 144 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Ernst Cassirer schichte der Religion oder eine allgemeine Geistesgeschichte geben, \ne er in seinem Werk über die „schöpferische Entwicklung" eine Naturgeschichte gegeben hat. Natur und Geschichte bilden in beiden Fällen nur den Untergrund der Zeichnung, nicht diese selbst. Die biologischen wie die geistesgeschichtlichen Phänomene werden hier nicht um ihrer selbst willen und in ihrer bloß-faktischen Eigenart geschildert; ihre Schilderung soll nur dem Zweck dienen, die Tendenzen, die Grundrichtungen des Lebens sichtbar zu machen, die in diesen Phänomenen ihren Ausdruck finden. Und so gibt denn auch Bergson nirgends einen Überblick über die Mystik, der sie in der konkreten Fülle ihrer Gestaltungen und in der inneren dialektischen Gegensätzlichkeit ihrer Motive umfaßt: er will vielmehr statt dessen eine Sinndeutung von ihr geben, durch die alle ihre Erscheinungen auf die ihnen zugrunde liegende geistige Urkraft zurückgeftlhrl werden sollen. Vermöge dieser Sinndeutung gelangt er jetzt zu einer überraschenden, dem rein historischen Aspekt der Mystik zweifellos fernliegenden Synthese der Philosophie der Natur und der Philosophie der Religion. Die Naturphilosophie 15erg>ons schildert den Sieg des Lebens über den Tod. des ,.elan vital" über die Materie. Die Schwungkraft des Lebens bricht in Sic Materie ein; sie erfährt ihren Widerstand, sie findet sich durch sie beschränkt und tausendfältig gehemmt; aber sie triumphiert zuletzt über alle diese Hemmungen. Jede besondere Gestalt, die sie hervorbringt, ist zugleich eine besondere Lösung des Problems, den rohen und trägen Stoff des Daseins zu überwinden und ihm den Aiem des Lebens einzuhauchen. Auch die Mystik geht nach Bergson von dieser Grund- und Uransehauung des Seins als eines ewigen Schaffens und ewigen Werdens aus. Und sie faßt, in ihrer religiösen Sprache, diese Kraft als die Kraft Gottes, als unendliche Liebeskraft. Nur in ihr — so lehrt sie — kann Göttliches erscheinen und sich verkünden. Es ist nicht in Begriffe und Bilder, in Lehrsätze und Dogmen zu fassen, noch wird es uns in äußerlichem Tun, in Zeremonien und Riten, faßbar. Es besteht nur, sofern es sich immer aufs neue in der Eiuzel>eele gebiert: in der Seele, die eben kraft dieser Geburt erst ihre wahre Freiheit erringt — die aus dem Zustand der „äme close", wie Bergson es nennt, in die Freiheit der „ä m e ouverte" übergeht. Bcrgsons Darstellung der Mystik könnte sich das Wort Hölderlins zu eigen machen: daß nur der das Göttliche erkennt, der es selbst ist. Kraft dieser Grundauffassung können sich nun Naturanschauung und religiöse Anschauung miteinander durchdringen; können sie harmonisch zu einer Melodie, zu einem Hymnus auf die unendliche 144