Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1933)
- Article
- Henri Bergsons Ethik und Religionsphilosophie
- Date
- 1933-06-01
- Page
- 143 (sequence 6)
- Language
- German
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Henri Bvrgsons Ethik und Religionsphiiosophie Mystik nichts anderes als die Gewißheil von der tätigen und schöpferischen Allgewalt der Liebe uud kraft ihrer der Gewalt des Lehens über den Tod versieht. Man darf freilich, wenn man den philosophischen Sinn, den Bergson mit dem Begriff der Mystik verknüpft, verstehen und ihm gerecht werden will, den Blick nicht lediglich auf das lenken, worin wir die hauptsächlichen historischen Erscheinungsformen der Mystik zu sehen pflegen. Faßt man diese letzteren ins Auge, so fällt sofort auf, daß Bergson den Begriff der Mystik auf der einen Seile zu eng, auf der andern Seile zu weil nimmt. Kr erweitert seine. Grenzen; denn er nimmt in seinen Kreis all das auf, was es im Leben der Menschheit überhaupt an selbständigen, an eigentlich-schöpferischen sittlichen und religiösen Energien gegeben hat. Folgen wir seinem Sprachgebrauch, so müßten wir nicht nur die israelitischen Propheten, nicht nur den Urheber und die Verkünder des christlichen Evangeliums als Mystiker bezeichnen; wir müßten diesen Namen auch auf alle wahrhaft-schöpferischen Ethiker ausdehnen, die jemals in der Geschichte der Philosophie hervorgetreten sind — wir müßten ihn auf Sokrales und Piaton, ja selbst auf Kant und Fichte anwenden. Und auf der andern Seite hat Bergson von dem religiösen Phänomen der Mystik nur ein Moment festgehalten, das geschichtlich gesehen keineswegs zureicht, es vollständig und erschöpfend zu charakterisieren. Denn er zeichnet die Mystik überall als eine vorwärls-drängende, als eine in das Leben eingreifende uud das Leben gestaltende Macht. Alle großen, alle echten Mystiker sind nach ihm Männer der Ta« gewesen. Was im Bilde der Mystik in die entgegengesetzte Richtung weist, tritt für Bergson völlig zurück. Er kennt und anerkennt zuletzt nur jene Formen der Mystik, die sich nach dem Ursprung des Lebens, nach des Lebens Bächen und Quellen h in sehnen; nicht jene anderen, die über alles bloße Daliinslrömcu des Leben>, ja über all sein /engen und Schaffen, hinaus streben, um in die tiefe und selige Buhe des reinen Schauens einzugehen. So zeichnet er eine rein aklivislische Mystik, in der das Moment des Qui'tismus völlig beseitigt und getilgt ist. Das Senkblei der reinen In-, tuition, über das Bergson allein verfügt, kann in die eigentliche Tiefe der mystischen Kontemplation nicht eindringen: denn die Intuition Bergsons soll das Organ sein, die reine Lebensbewegung zu erfassen, sie gleichsam im Fluge zu erhaschen, während die mystische Kontemplation dieser Bewegung und damit dem Zeitstrom als solchem entrinnen will. Aber man braucht mit Bergson über die Art, wie er den N amen der Mystik gebraucht, nicht zu rechten. Denn Bergson will in seinem religionsphilosophischen Werk so wenig eine G e - 143