Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1933)
- Article
- Henri Bergsons Ethik und Religionsphilosophie
- Date
- 1933-06-01
- Page
- 142 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Ernst Cassircr höchsten und vollkommenen Gestalt Ist diese nicht mehr bloße Reaktion; sie ist zur Aktion geworden; sie hat sich zur freien Tat erhoben, und dieser Tat und ihrer inneren Freiheit entstammt das neue Licht, das sie jetzt über das Ganze des Seins und des Geschehens verbreitet. Jetzt begegnet sie der Depression, die den Menschen zu vernichten droht nicht mehr damit, daß sie ihn unter den Schulz übernatürlicher .Mächte stellt; sie läßt im Innern des Menschen, in seinem eigenen Selbst, einen anderen höheren Affekt erstehen, der die Furcht bricht und besiegt. Gegen die Entfremdung und gegen die Verzweiflung wird die Liebe aufgerufen — und alle echte, alle „dynamische" Religion geht nach Rergson in ihrer Verkündigung und Verherrlichung auf. Die statische Religion sucht den Menschen an das Lehen, den Linzelneu an die Gesellschaft zu . knüpfen, indem sie ihnen Geschichten erzählt, gleich denen, mit denen man die Kinder in den Schlaf wiegt. Die dynamische Religion aber entspringt nicht mehr der Leben saugst und dient nicht der bloßen Sorge um das Leben, als rein physische Existenz. Sie haftet nicht am bloßen Dasein, an den einzelnen, in sich begrenzten und in sich endlichen Gestalten, in die sich das Leben einschließt, sondern sie dringt zur Anschauung der l'rkraf« durch, der alle diese Gestalten entstammen. Das Vertrauen findet der Mensch jetzt dadurch wieder, und von der Erschütterung durch «las Selbstbewußtsein, durch die Reflexion, stellt er sich dadurch her, daß er zum Quell alles Lebens zunickgeht. Nicht der Intellekt ist es, der ihn in diesem Rückgang leiten kann. Denn er kann niemals die Einheil und die dauzhcil des Lebens sichtbar machen; er hat es niemals anders, als dadurch, daß er es schon durch die bloße Form seines Habens, durch sein Begreifen, das immer ein bloßes Zugreifen ist, zerstückelt. Der Intellekt ist nicht für die reine Betrachtung, sondern für die bloße Wirkung gerüstet. Er liefert den Plan,-dem das Wirken folgt; er entwirft die Vorzeichnung und das Schema, nach dem es sich richtet. Das ,.divide et impera" ist seine eigentliche Maxime: er muß das Sein zerschlagen, um es dadurch um so sicherer beherrschen zu können. So kann er höchstens Möglichkeiten erdenken, nicht die Wirklichkeit selbst ergreifen. Mitten in diese Wirklichkeit aber, in den Mittelpunkt des schöpferischen Prozesses des Lebens versetzt uns die dynamische Religion. Denn sie erkennt als die Grundmacht, die das Leben beherrscht, ja die das Leben selbst ist, die Macht der Liebe. Hier liegt das Rand, das all© echten Äußerungen und Offenbarungen der dynamischen Religion — welchem Land, welcher Nation, welcher Zeit sie immer angehören mögen — miteinander verknüpft. Sie alle entspringen dem Geiste der Mystik — wenn man unter X42