Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1933)
- Article
- Henri Bergsons Ethik und Religionsphilosophie
- Date
- 1933-06-01
- Page
- 141 (sequence 4)
- Language
- German
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Henri Bergsons Ethik und Reügionsphüosophie gleich das Bild des Todes. Aber eben an diesem Punkte, an dem den Menschen mit dem ersten erwachenden Selbstgefühl auch die völlige Selbslvernichtung und die tiefste Verzweiflung bedroht, setzt nun wiederum die Kraft' und der Schutz der Religion ein. Sie will dem Menschen keine Erkenntnis vermitteln: sie will ihm nicht, gleich dem Intellekt, das Wissen von der Wirklichkeit und kraft desselben die Herrschaft über die Wirklichkeit geben. Sie hüllt ihn vielmehr in das Gewand der Fabel ein; sie beschwichtigt die Angst vor dem Nichts, die ihn zu zerstören drohte, indem sie noch dieses Nichts zum Etwas umschafft und es damit dem Menschen wieder zugänglich, wieder in irgend einem Sinne vertraut macht. Das ist nach Bergson die eigentliche Leistung, die die reine Dichtungskraft der Religion, ihre „fonetion f a bu I a t r ic e", wie er es nennt, vollzieht. Gegenüber den Schrecknissen des Todes richtet sie die tröstliche Versicherung der Unsterblichkeit auf; gegenüber dem Allein-Sein, dem Zurückgeworfensein des Menschen auf sich selber, zeigt sie ihm eine Welt, die von Kräften erfüllt und beherrscht ist, die ihm gleichen; — die ihm, wenngleich überlegen, so docli im Tiefsten verwandt sind. Es verschlägt nichts, ob diese Mächte böse oder gut sind, ob sie das menschliche Streben fördern oder sich ihm entgegensetzen: — genug, daß sie im Guten wie im Bösen, in Segen und Fluch dem Menschen wieder zugänglich, daft sie, wie Bergson es ausdrückt, durch ein Band der ..Cameraderie" mit ihm verknüpft sind. Diese Gewißheit der Verbundenheit, der Zugehörigkeit, der wiederhergestellten Gemeinschaft mit dem All. mit den letzten Gründen des Seins ist es, die die Religion dem Menschen gib«. Sein Wun>ch und sein Wille stölol jetzt nicht mehr auf die sinnleere, auf die harte und unbeugsame Notwendigkeit des Geschehens und prallt an ihr, wie an einer starren unzerbrechlichen Wand ab: beide finden, wo nicht Erfüllung, so doch Gehör; sie treffen auf Wesen, die .sie verstehen und die ihnen, kraft der Vermittlung durch Opfer, durch Gebet, durch die Magie zugänglich sind. Dieser Zugang zum All ist es, was den Weg der Religion ausmacht und kennzeichnet. Die Religion hat nicht sowohl ihre eigentliche Wurzel in der Furcht, als sie vielmehr eines der Grundmittel ist, die das Leben sich geschaffen hat, um der Furcht zu begegnen und ihre Gefahren zu beschwören. Sie ist eine Verteidigungsmaßnahme des Lebens gegen die Intelligenz: „une rtaction defensive de la nalure conlre un decouragement, qui aurait sa source dans rintelligence** (S. 160). Aber diese biologische Verteidigungsmaßnahme erschöpft nach Bergson keineswegs das ganze Sein und den ganzen Sinn der Religion. Demi in ihrer 141