Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1933)
- Article
- Henri Bergsons Ethik und Religionsphilosophie
- Date
- 1933-06-01
- Page
- 140 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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- Selm 1× ep/1045700
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Emst Cassirer und geht in ihm auf. In dem Augenblick aber, wo an Stelle der tierischen, durch den Instinkt beherrschten und geleiteten Gesellschaft die Form des menschlichen Zusammenlebens tritt, hört diese unmittelbare Sicherung auf. Denn jetzt erwächst eine neue und gefährliche Macht: die Macht des Bewußtseins — und sie droht all das zu zerreißen, worauf bisher der Bestand, das Leben und die Sicherheit der Geineinsehaft beruhte. Mit dem ersten Sirahl dieses Bewußtseins, mit dem Moment, wo der Mensch zu einem Wissen vom eigenen Selbst erwacht, ist auch der Wille zum Selbst in ihm entfesselt. Und dieser Wille, diese Selbstsucht, die mit dem Selbstbewußtsein Hand in Hand gehl, droht, ihn aus dem Gemeinschaftsleben herauszuwerfen, ihn von ihm ab/u.-prcngeu und ihn sich selber, dem Einzel-Sein als bloßem Allein-Sein, zu überlassen. Dieser drohenden Gefahr der Isolierung, der Lösung des Ich aus dem gesellschaftlichen Vorbände ist es, der die Religion in ihrer ersten Grundgcslalt entgegenwirkt — und hierin erschöpft sieh zunächst ihre Aufgabe, hierin be-ieht die .Mission, die sie im Namen des Lebens erfüllt. Sie kann nicht mehr n;ider Mach! des ungebrochenen Naturinstinkts wirken; aber sie ist eine Art \on künstlichem Instinkt, den das Leben erschafft, eine Vorbeugung und ein Selm;/., den es gebraucht, um zu verhüten, daß der Mensch allzu schnell und allzu jäh den Übergang vom Instinkt zum Intellekt vollzieht. Der Lösung, die hier droht, stellt die Religion eine feste Reihe von Bindungen, von Geboten und Verboten gegenüber: und sie seid alle ihre Macht dafür ein, daß diese Gebole ii.hi Verbote mit «lern ganzen Zauber ihrer Heiligkeit umkleidet und kraft desselben uU uuu-rbrüchlich erklärt werden. Und noch eine andere, nicht minder wichtige und entscheidende Leistung ist es, die die Religion in dieser Phase der Lebensbewegung zu vollbringen hat. Die Drohung des erwachenden Selbst- Bewußt>cins besteht nicht nur darin, daß es den Menschen von dem sicheren Zusammenhang mit der Gemeinschaft löst, sondern daß es ihn auch aus dem Zusammenhang mit der Natur, mit dem Gesamtleben des Kosmos herausversetzt. Er lebt jetzt nicht mehr von der Natur umfangen und in ihr geborgen, sondern er sieht sich ihr gegenüber. Lud dieses Gefühl des Gegenüber müßte sich in ihm, wenn er sich ihm völlig und ohne Einschränkung hingäbe, zu einem Gefühl der tiefsten Vereinsamung steigern. Mit dem Wissen von seiner Existenz als Selbst-Wesen hat er sich dem Sein des Alls entfremdet, hat er sich — wie schon der Wortsinn andeutet — aus ihm herausgestellt. So ist für ihn der» erste Anfang des Seins auch der Anfang des Nichts. Seiu spezifisches Lebensgefühl, das ihn von allen anderen Naturwesen unterscheidet, enthüllt ihm zu- 140