Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1933)
- Article
- Palästinische und alexandrinische Schriftforschung
- Date
- 1933-06-01
- Page
- 136 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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I. Heinemann appellieren die Rabbinen in jenen Gleichnissen, die auch im Neuen Testament ihren Widerhall finden, unmittelbar an die Lebenserfahrung, um aus der lebendig erfühlten Wirklichkeit unserer Beziehung zu Gattin, Eltern, Herrscher das religiöse Verhältnis des Menschen und des Juden zu Gott zu deuten. So lehrt uns der Blick auf Methoden und Ziele der Hellenisten wie der Rabbinen gewiß die Unterschiede, zugleich aber auch die gemeinsame Grundlage beider Richtungen erkennen. Und es erweist sich zugleich das grundsätzliche Recht jenes Vergleiches zwischen alt jüdischer Schrifterforschung und Goelhescher Naturerforschung, von dem unsere Betrachtung ausging. Wenn sich Goethe nach Chamberlains Wort auch in seinen wissenschaftlichen Schriften zu der Natur nicht rezeptiv, sondern ,.schaffend und gestaltend" verhält, so ist die Selbständigkeit der Midraschlehrer wie der Alexandriner zweifellos noch großer; weniger auf die Deutung des Schriftworles, als auf seine Bedeutung für den Leser scheint es ihnen anzukommen. Und doch ist auch ihr „Gestalten", mindestens nach ihrem eigenen Bewußtsein, kein willkürliches Zurechtrücken und Verschieben. Wie Goethe das Leben der Natur aus eigenem Leben deutet und mit sonnenhaftem Auge die Sonne erkennt, so erfassen die Exegcten das Schriftwort aus ihrer persönlichen Frömmigkeit und Volksverbundenheit, die sie in ihren Grundzügen zweifellos aus der Bibel gelernt haben. Und wie andererseits nach Goethe jeder Gegenstand, richtig angeschaut, ein neues Organ in uns aufschließt, so fühlt sich auch der Glaube des Exegeten an seinen Gott und an sein Volk geklär! und gekräftigt durch die Betrachtung der göttlichen Lebensordnungen und der Männer, an deren Vorbild wir uns erheben. Hier wie dort trägt daher die Forschung ihren Lohn und Sinn nicht im Ergebnis, sondern schon in sich selbst: denn das Ergebnis tritt nicht als ein fremder, gleichmäßig für jedermann gültiger Befund dem Subjekt des Forschers gegenüber, sondern es bleibt mit dessen persönlichem Sehnen und Suchen verhaftet. — Allein wenn Goethe von dem Naturbetrachter fordert, daß er hineingreife ins Innere, nicht Abstrakte, sondern Urlebendige, so ist damit zugleich der Punkt bezeichnet, wo die Wege der Hellenisten und der Rabbinen sich scheiden. Auf die Hellenisten und ihre Religionsbetrachtung wirkt die griechische Weltanschauungslehre vergeistigend und vergeistend, genau wie auf die Römer und ihre Rechtskunde. Sie greifen ins Abstrakte; und wo es den systematischen Aufbau der Lcbensanschaunng und der Lebensordnung oder die klare Herausstellung des ethischen Wertes der Persönlichkeiten und der Vorschriften gilt, erweisen sie sich den Palästinern überlegen. Dagegen greifen 136