Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1933)
- Article
- Palästinische und alexandrinische Schriftforschung
- Date
- 1933-06-01
- Page
- 137 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2895450-2895515-2895518-2902997--06405-2903065- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Palästinische und ale*andrinische Schriftforschung diese ins Urlebendige; Leben aus Leben zu deuten und aus gedeutetem Leben Lebenskraft zu empfangen, ist ihre Aufgabe. Denn wie sich einem Goethe oder Herder im Schaffen des Künstlers das rätselhaft-notwendige Wachstum der Natur fortzusetzen scheint, so haben die Rabbineri die lebendigen Kräfte in sich weiterwirken lassen, die sich in der Glaubenswelt, im Geschichtsbild und in der Lebensordnung der Bibel auswirkten; sie sind nach ihrem berechtigten Selbslzeugnis wenn auch nicht Propheten, so doch „bnc nwiim", also Prophetenkinder, Prophetenschüler und prophelenhafte Menschen gewesen. Neben solcher Schrift-Erforschung geht die Schriftforschung als philologisch-historische Befrachtung her, zumal seit etwa 100 Jahren. Auch Frankel gehört zu den Erneuerern der jüdischen Wissenschaft. Und doch vertrat er bewußt das Recht der Erforschung neben dem der Forschung, im Gegensatz zu der Überspannung eines Rationalismus, der in den Aufgaben geschichtlicher Einordnung die einzig möglichen Gesichtspunkte für die Betrachtung der heiligen Urkunden zu sehen glaubte. Die Einseiligkeit einer gegen jede „Kultur des Gemüts" gleichgilt igen Betrachtungsweise, die einem Chamberlain u »deutsch erschien, fand Frankel unjüdisch, mindestens mit gleichem Recht. Denn unmittelbar aufs Leben konnte die neue Wissenschaft des Judentums nur selten wirken, da sie nicht auf dem lebendigen Gefühl der Kontinuität, ja, Identität von Ahn und Enkel beruhte, sondern vielfach sogar auf der Distanzierung des aufgeklärten Gegenwarlsmcnschen von dem innerlich wie äußerlich durch das Mittelalter gebundenen Vorfahr. Je weniger wir aber heute glauben können, daß die Aufklärung das letzte Wort der Geschichte gewesen ist, je näher wir uuj dem Glauben und — infolge schwerer Fügungen — dem Schicksal der Ahnen füllten, um so mehr ist es uns Bedürfnis, ihr geistiges Erbe nicht nur in sein.er zeitlichen Bindung zu erkennen, sondern auch in seiner ewigen, überzeitlichen Bedeutung auf uns wirken zu lassen. In diese Aufgabe teilen sich die religiöse Rede, die in diesen schweren Tagen neue Bedeutung zu gewinnen scheint, und die Kunst. Ob als Wiedergabe, wie in Bin Gorions Brzählungen jüdischer Sagen, ob als Umschreibung, wie in .Martin Bubers chassidischen Schriften, ob als freie Gestaltung, wie in ,.Jaakobs Traum" und „Jeremias", stets läßt sie uns die Tragik und den Glauben, den Stolz und die Hoffnung des Juden fühlen, die sich im Laufe der Jahrtausende verschieden ausprägen, in ihrem Wesen aber die gleichen bleiben. 137